Mittwoch, 02.08.2006 - von Künzelsau bis Aalen (101 km)

Komische Stimmung am Frühstückstisch: in der dunklen Wirtsstube brennt nur über dem Ausschank und über dem einzigen, für mich gedeckten Tisch eine Lampe, alles Übrige verschwindet im Zwielicht. Der Wirt, der schon gestern nicht recht wusste, was er mit mir anfangen soll, stellt sich demonstrativ hinter den Ausschank und schmöckert in einer Tageszeitung und beobachtet verstohlens, wie ich Nutella auf die altbackene Semmel verstreiche, abbeisse und mit Kaffee nachspüle. Fehlt bloss noch, dass der ein Gespräch mit mir anknüpft! Genau zu der Tageszeit, während der ich sowieso zugeknöpft bin und erstmal mein eigenes Triebwerk hochfahre! Mir passt die Atmosphäre hier überhaupt nicht und ich mache mich vom Acker, so schnell es irgendwie geht. So bin ich froh, wieder auf der Speedy zu sitzen und aus der Stadt rollen zu können.


Heute ist der kälteste Morgen der bisherigen Tour, es ist Faserpelz-Wetter. Auch Handschuhe würden sich gut machen, sofern man noch ein komplettes Paar sein Eigen nennen könnte. Doch die Sonne lässt sich nicht lumpen, der Himmel zeigt sich (noch) tiefblau und die ersten dreissig Kilometer des heutigen Tages, die Strecke von Künzelsau bis Schwäbisch Hall, sind landschaftlich einfach wunderbar! Keine Ahnung, ob es das Euphorie des glücklich Entflohenen (vom Kerker des Frühstückstisches) ist oder ob mir die Endorphine einzischen, auf jeden Fall empfinde ich diesen Abschnitt als den schönsten der ganzen Reise: der Fluss, von Weiden gesäumt, in seinem nicht zu engen Tal. Dieses Tal von Hügeln begrenzt, die von Mischwald bestanden sind und dann der Radweg selbst: glatter Asphalt, weitestgehend flach - da fliegt man nur so dahin, das ist idealstes Radeln!


In einer der ersten Ortschaften auf der Strecke sehe ich ein Stehcafé und dort gönne ich mir ein zweites Frühstück. Bald besetzen dunkle Wolken den grössten Teil des Firmamentes und ein fast stürmischer Wind kommt auf, und dieser sorgt für eine rasch wechselnde Szenerie. Irgendwann radle ich durch die Kochertalbrücke hindurch, die grösste Stahlbetonbrücke Europas (so steht's im Reiseführer). Na, und dann kann ich das vom Fachwerk geprägte Stadtbild von Schwäbisch Hall bewundern.


Die folgenden zwanzig Kilometer bis Gaildorf warten mit einem völlig anderen Charakter auf: die Route verlässt hier das Kochertal und man radelt weiter oben am Hang entlang, dann rollt man wieder hinunter ins Tal, dann steigt man wieder hinauf, bis man nach Gaildorf dann endgültig im Flusstal bleiben "darf". Die Abfahrten sind nicht ohne und ich fühle mich mit meiner einen Bremse unwohl. Meine Nachfrage nach Bremsbelägen hat immer noch nicht zum Erfolg geführt. Doch nun soll es anscheinend erstmal flach weitergehen und ich kann diesbezüglich aufatmen.


Mittlerweile ist es Mittag geworden und ich denke, ich könnte es heute noch bis Aalen schaffen, das wäre eine gute Ausgangssituation, um vielleicht in den drei noch verbleibenden Tagen über Ulm und den Donau-Bodensee-Weg Lindau zu erreichen - das wäre eine elegante Schleife. Wieder der Versuch einer Zimmerreservierung. Wieder eine Zusage. Mal sehen, ob ich diesmal Glück habe…


Jetzt wird der Fluss kleiner und auch die B19 verläuft nun hier im Kochertal. Zwischen Untergröningen und Abtsgmünd wird der Kocher-Radweg, abgesehen von einer zwei Kilometer langen Unterbrechung, entlang der B19 geführt. Und die ersten fünf Kilometer nach Untergröningen sind schon fast eine Zumutung: der Radweg ist eine Art Trottoir an der Bundesstrasse, kaum einen Meter breit, meist mit schlechtem Belag. Hier scheint nicht viel Geld in den Strassenbau zu fliessen, auch die Oberflächenbeschaffenheit der Bundesstrasse hat schon bessere Zeiten gesehen.


Die Hügel, die das Tal begrenzen, sind mittlerweile niedriger geworden, längst haben wir wieder Nadelwald und die Landschaft ist - von meinem subjektiven Gesichtspunkt aus betrachtet - etwas beliebiger geworden. Aber, wenn man mal ehrlich ist: wo findet man denn bei uns wirklich einmalige und individuell ausgeprägte Landschaften? Es ähnelt sich halt alles doch auch irgendwo, wenn man sich in ein und derselben Klimazone aufhält, da muss man sich nichts vormachen. Macht aber nichts. Trotzdem schön!


In Niederalfingen grüsst noch die Marienburg herüber, ein paar Minuten weiter, bei Wasseralfingen, ist dann Schluss mit lustig und der heutige Endspurt beginnt. Von jetzt an radle ich an Radwegen entlang der grossen Einfallstrassen bis nach Aalen. Das mit meiner Zimmerreservierung hat heute wieder funktioniert. Ich bin im City Hotel Antik untergekommen. Das ist ein ganzer Gebäudekomplex mit einem Restaurant und einem Innenhof, der wie ein südeuropäisches Landgut anmutet - alles ist in gelb oder orange gehalten, die Fenster schmückt schmiedeeisernes Zierrat, so wie ich es von andalusischen Häusern kenne. Irgendwie fast ein bisserl deplatziert und latent kitschig, aber irgendwie passt das nach den gestrigen Erlebnissen schon irgendwie. Und die Lasagne al Forno ist genau das, was ich mir vorstelle, und ausserdem schenkt man einen ziemlich leckeren Montepulciano aus. Basta!