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Samstag, 16. Mai. Von Schwabthal nach Adelsdorf (81 Km)

Der positive Eindruck vom Donnerstag, dem Tag meiner Ankunft, ist gestern allmählich verflogen und irgendwie war's mir plötzlich nicht mehr so geheuer in Schwabthal. Fing damit an, dass sich die Wirtin an meinen Nachbartisch setzte, als ich Tagebuch schreibend in der Gaststube sitze. Für mich ist ein schreibender oder lesender Mensch jemand, der in seiner eigenen Welt verbleiben will und nicht auf Kontakt aus ist und wider besserer Erfahrung gehe ich immer noch davon aus, dass diese Signalwirkung auch von anderen verstanden und respektiert wird. Doch dem ist leider nicht so und nach ein paar Minuten fing sie an, mir Löcher in den Bauch zu fragen und hörte auch nicht auf, als mein Essen kam. Irgendwann wusste sie, dass das Liegerad draussen in der Garage mir gehörte, was es kostete, dass ich von Zürich bis hierher gefahren bin, und so weiter und so fort. Bis auf die Tatsache, dass sie meine Privatsphäre hartnäckig ignorierte (ich weiss, ich bin da wirklich empfindlich), war das noch OK, aber dann schmetterte sie jedem Stammgast, der das Lokal betrat, lautstark meine Story und vor allen Dingen den Kaufpreis des Rades entgegen und schon war's mit meiner Ruhe entgültig vorbei. Hilfe! Warum nur? Gibt's denn keine andere "Sensation" in diesem Kaff hier? Ich verzog mich daraufhin so schnell wie möglich auf mein Zimmer, nicht ohne vorher noch eine laute und immer heftiger werdende Diskussion einer Gruppe Frauen um die Zimmerverteilung mit zu bekommen. Grundgütiger! Genau diese laute Reisegruppe lärmt dann auch noch bis fast zwei Uhr nachts im Innenhof des Hotels (alles Leute zwischen circa vierzig und fünfundsechzig Jahren, also keine Teenager mehr), bis ich es nicht mehr aushalte und - zugegebenermassen auch nicht gerade sehr diplomatisch - um Nachtruhe bitte. Grummelnd versuche ich wieder einzuschlafen, leider nur mit mässigem Erfolg.

Später in der Nacht regnet es, aber nach dem Frühstück, als ich unausgeschlafen in den Sitz des Trikes falle, ist es trocken. Ich brauche mich eh nicht gross über's Wetter beschweren, denn richtig nass geworden bin ich auf dieser Reise (bisher) noch nicht. Es war zwar oft veränderlich, kühl und windig und ein paar Mal gab's halt Regenschauer, doch diese waren immer nur von kurzer Dauer und im Grossen und Ganzen war mir ideales Radlwetter vergönnt. Klar, man wünscht sich natürlich diese stabilen Hochdruckgebiete mit blauem Himmel und Schönwetterwolken und Sonnenschein, aber, wie gesagt, bisher gab es diesbezüglich keinen ernsthaften Grund zur Beschwerde. Auch heute ist es kalt und windig, doch die Sonne kommt immer wieder mal durch die Wolken und wärmt ein wenig und dazu gibt's auch noch interessante Lichtstimmungen. Die paar Kilometer zurück bis Bad Staffelstein sind bald Geschichte: bergab auf Asphalt. Wolkenfetzen ziehen den Staffelberg entlang und mit klammen Fingern gibt's die ersten Fotos des Tages. Schon bin ich wieder auf dem Maintalradweg und komme langsam in Schwung. Bamberg markiert den heutigen Eck- oder Wendepunkt, denn dort werde ich das Maintal verlassen und ins Aischtal wechseln.

So unausgeschlafen wie ich es heute bin, funktioniert das ganze Betriebssystem nicht richtig und als ich kurz vor Bamberg durch ein Wohngebiet radle, gibt's eine Schrecksekunde, als ein Frau, ohne mich zu sehen, rückwärts aus einer Einfahrt raus fährt. Weil ich ganz nach links ausweiche, passiert nichts und sie entschuldigt sich auch und ist ehrlich betroffen. Aber mir verhagelt es die Laune noch mehr. Hat sie sich jetzt umgeblickt und überhaupt in meine Richtung geschaut oder lag es daran, dass das Trike hinter dem Gartenzaun verborgen war? Ich weiss es nicht und stelle in meiner heutigen Verfassung Sinn und Unsinn eines so flachen Fahrzeuges in Frage. Dazu kommt noch, dass ich ein paar Minuten später einen anderen Liegeradfahrer treffe, der absolut unglücklich mit seinem Gefährt ist, nur wegen einer Verletzung auf's Liegerad umgestiegen ist und sich ein normales Rad zulegen wird, sobald er wieder gesund ist. So vergeht die noch verbleibende Zeit, bis ich Bamberg erreiche, mit diversen Grübeleien. Aber ich komme zu keinem anderen Ergebnis, als dass ich mit den Liegerädern bisher herzlich wenig brenzlige Situationen erlebt habe - und jetzt befinde ich mich mitten in meiner sechsten Liegeradsaison und hab wohl um die 30.000 Kilometer auf diesen Rädern zurückgelegt. Und ausserdem hab ich mir in diesen Jahren eh eine defensive Fahrweise zugelegt. Man muss halt ausgeschlafen sein, das ist das Thema. Mein Fazit: ich mag Liegeräder. Ich komme gut damit zurecht, sie "liegen" mir, im wahrsten Sinne des Wortes.

Im Einzugsgebiet Bambergs angekommen, muss ich mich auf die Streckenführung konzentrieren und schiebe obige Gedanken mal beiseite - ich kann sie ja ein anderes Mal wiederkäusen. Als ich schliesslich die Regnitz erreiche und an ihrem Ufer entlang nach Süden rolle, sind meine gerade gehegten Zweifel eh schon wieder Makulatur. Von Bamberg sehe ich diesmal kaum etwas und das ist auch in Ordnung so. Auf eine Stadtbesichtigung hab ich heute keine Lust und ausserdem war ich schon ein paar Mal hier. Bei Pettstadt quere ich den Main-Donau-Kanal auf einer Brücke und danach die Regnitz auf einer Fähre. Es ist nicht mehr weit bis zum Aischtal und ich folge von nun an den Schildern des Aischtalradweges. Um zwei Uhr checke ich in meinem Hotel in Adelsdorf ein. Heute war irgendwie der emotionelle Tiefpunkt dieser Reise.