Dienstag, 29.8.06. Von Ehingen nach Lauingen (82 Km)

Ulm. Altstadtkulisse. Ich stehe auf dem Grünstreifen zwischen Stadtmauer und Fluss und schäle meine zweite Banane, als ein kleines Männlein auf mich zusteuert. Es ist recht laut hier, an einer Brücke wird gebaut und auch von der anderer Flussseite tönt der Lärm von Baumaschinen zu mir herüber. Also, dieser ältere Kurzgewachsene samt Spazierstock, hellgrauem Mäntelchen und dicker Brille will wahrscheinlich wieder was über a) das Radreisen als solches oder b) das Liegerad wissen, genau wie der Zeitgenosse fünf Minuten vorher und ein paar hundert Meter flussaufwärts, der mir schier ein Loch in den Bauch gefragt hat. Gerade Männer im fortgeschrittenen Seniorenalter träumen da ja oft vergangenen Zeiten hinterher (und jüngere manchmal auch…). Doch weit gefehlt: das grau bemäntelte Herrchen kommt so nah an mich ran, dass ich die roten Adern im Weissgelb seiner Augen sehen kann, zieht eine eindeutige Zeitschrift aus der Manteltasche und fragt mich recht eindringlich, ob ich an die Evolutionstheorie glaube oder nicht viel mehr, dass alles Leben von Gott auf die Welt kommt. Zuerst möchte ich schon mit einem eindeutigen "Jein" antworten, aber dann bedeute ich ihm - für mich ungewöhnlich geistesgegenwärtig - er möchte sich lieber ein anderes Opfer suchen, bei mir wäre sektenmässig Hopfen und Malz verloren. Tststs…DER und Zeuge Jehova!

Zu diesem Zeitpunkt liegen schon gut 30 Kilometer Morgenfahrt hinter mir. Auch heute ist der Himmel am Morgen wie blank geputzt und auch heute ist klar, dass das nicht lange so bleiben wird. Gleich zu Beginn der Etappe ist mir ein Weitblick über das Flusstal vergönnt, denn Ehingen liegt auf einer Anhöhe und mein Weg führt erstmal oben an der Hangkante entlang. Bald aber gleite ich hinab und bei Nasgenstadt bin ich wieder auf Flussniveau.

Hier flaches Ackerland, der Wind schiebt wieder wie gehabt und bringt dunkle Wolken mit sich. Zwischen Ersingen und Donaustetten radle ich eine Zeit lang an Teichen und der aufgestauten Donau entlang. Der schnelle Wechsel zwischen Schatten und Sonnenlicht zaubert ein interessantes Muster auf die Felder, Wiesen und das Buschwerk. Und: es ist kalt! Meine Füsse sind hierbei der Schwachpunkt. Ich spiele mit dem Gedanken, ein zweites Paar Socken und die zweite Jogginghose über die erste anzuziehen, als ein Radlerpaar mit kurzen Hosen an mir vorbei zieht. Was bin ich doch für ein Weichei!

Um nicht allzu sehr von Selbstzweifeln geplagt zu werden und mich abzulenken, summe ich wieder "Du bist die Blume aus dem Gemeindebau" vor mich hin, das mir seit ein paar Tagen (dort kam ich bei Ortsdurchfahrten immer an Gemeindehäusern vorbei) im Ohr sitzt und nicht heraus will. War das Ambros? Oder Fendrich? Oder Peter Cornelius? Und wie lange ist das her, dass das ein Hit war? Egal, nun sitzt der Wurm im Ohr und ich werde ihn nicht los.

Als sich kurz darauf die Iller in die Donau ergiesst und bei weitem mehr Wasser führt, frage ich mich, warum man nun den mächtig gewordenen Fluss nicht in Iller umbenannt hat…aber dann bin ich in Ulm, gebe Auskunft über die Speedmachine und wimmle kurz darauf den Sektenbruder ab und suche im Anschluss daran meinen Weg raus aus der Stadt. Es wird hier am Radweg gebaut und deswegen werde ich ein Stück weit in die Innenstadt umgeleitet. Da alles gut ausgeschildert ist, gibt's jedoch diesbezüglich keine Probleme. Recht un-idyllisch pedaliert der Donauradler dann an Thalfingen, Ober- und Unterelchingen vorbei.

Für den zweiten Abschnitt dieses Tages ist nun Wald angesagt, genauer: Auwald! Von Weissingen bis nach Offingen geht es auf einer Länge von - grob geschätzt - zwei Dutzend Kilometern durch den Auwaldgürtel des Flusses. Da ist viel kerzengerader Naturweg dabei. Zwar gut befahrbar, allerdings bekomme ich nach einer Weile so eine Art Tunnelblick, grüne Hölle in Schwaben, oder so…

Als ich bei der Staustufe in Offingen den Kormoran fotografieren will, der auf einem abgestorbenen Baum so typisch seine Flügel zum Trocknen ausbreitet, erwischen mich doch tatsächlich die ersten Regentropfen dieses Tages! Den Kormoran allerdings auch. Und der gibt jetzt seine malerische Pose auf, das Motiv wird uninteressant und ich verstaue den Fotoapparat lieber mal wasserdicht in der Packtasche. Doch ich habe Glück und die Regenwolken ziehen seitlich an mir vorüber und streifen mich nur peripher.

Ich geniesse es schon seit Tagen, ohne Landkarte fahren zu können. Der Radweg ist prima ausgeschildert. Warum allerdings seit einer Weile zusätzlich zu den gelben Donauradwegschildern auch noch modernere mit der Aufschrift "Via Danubia" dazu gekommen sind, entzieht sich meiner Erkenntnis. Doppelt gemoppelt hält besser? Oder ist das etwas zeitgeistiger und soll dadurch wieder mehr Touristen anziehen?

Bald liegt das Waldgebiet endgültig hinter mir, ich radle wieder über freies Land und kann das Geschehen am Himmel besser beobachten. In meinem Rücken braut sich schon wieder etwas zusammen…mal sehen, ob mich das noch betrifft. In Gundelfingen könnte ich zum Beispiel heute übernachten, aber ich lasse mich vom Wind noch etwas weiter die Strasse entlang scheuchen - komme mir vor wie auf einem Segeltörn - und quartiere mich in Lauingen im Hotel "Drei Mohren" ein. Das ist so ein altes Patrizierhaus, neu renoviert, ganz stilvoll soweit.

Lauingen wäre eigentlich ein ganz reizvolles Städtchen, wenn nicht auch hier - wie in Mengen - der Durchgangsverkehr wäre. Das Auto dominiert das Stadtbild. Eigentlich sollte das der hohe (Kirch?)Turm tun, der fast wie ein italienischer Campanile anmutet. Auch die angrenzenden Häuser lassen an Stadtbilder denken, wie man sie von jenseits der Alpen kennt. Aber eben. Marktplatz = grosser Parkplatz. Was mir auf dieser Reise irgendwie fehlt, ist die Möglichkeit, draussen zu sitzen und das Geschehen zu beobachten. Entweder es ist zu kalt oder es fängt am Spätnachmittag immer zu regnen an, sodass die Wirte gar nicht erst aufdecken. Schade.