Donnerstag, 31.8.06. Von Neuburg an der Donau nach Bad Gögging (60 Km)

Um es gleich vorweg zu nehmen: die heutige Etappe hätte ich mir sparen und gleich den Zug nehmen können! Die Routenführung war zum Abwinken. Doch alles der Reihe nach. Mittlerweile spricht man wieder meine Muttersprache - das Hotelpersonal bedient sich des bayerischen Idioms. Ich selbst habe noch Mühe damit, von meiner bastardisierten Umgangssprache, in der Reste Oberpfälzerischem und Münchner Dialekts, Hochsprache und ein paar Brocken Schwyzerdütsch eine eigentümliche Allianz eingehen, auf meinen Heimatdialekt umzuschalten. Aber ich werde mich wohl in den nächsten Tagen wieder daran gewöhnen.

Allmählich geht's jetzt darum, die nächsten Tagesetappen einigermassen sinnvoll einzuteilen, da ich ja, wie eingangs erwähnt, erst am Sonntag in Oberviechtach ankommen will. Ich hab mich in den letzten Tagen dazu entschlossen, noch einen Tag lang dem Regen (ich meine jetzt den Fluss…) zu folgen, aber allzuviel Strecke bleibt jetzt nicht mehr übrig. Ich denke, Bad Gögging wäre heute ein passender Zielort. Die Fahrt durch den Donaudurchbruch spare ich mir für morgen früh auf.

Ausserdem beschäftigt mich noch etwas anderes, nämlich der Papstbesuch in Bayern! Vor ein paar Wochen hatte ich mir schon die Zugfahrkarte von München nach Zürich einschliesslich der Platzreservierungen besorgt, ohne zu wissen, dass der Papst genau an jenem Wochenende in der bayerischen Hauptstadt sein wird, an dem auch ich dort weilen werde. Und jetzt wird mir langsam klar, was das bedeutet: Menschenmassen auf den Strassen, Chaos im Hauptbahnhof und in den Zügen…mein Fantasie kann da recht bunt sein... Ich weiss noch nicht so recht wie ich nun damit umgehen werde.

An diesem Morgen lacht mir die Sonne wieder mal ins Gesicht. Und: die Wetterprognosen sind inzwischen sehr vielversprechend! Es soll sogar wärmer werden und der Sommer soll zurück kehren! Letzteres kann ich mir zwar nicht so recht vorstellen, aber ich beschliesse, offen dafür zu sein.

Neuburg an der Donau verlässt der Radler auf einer schnurgeraden, etwas sechs Kilometer langen Strasse. Das ist nicht etwa ein Prachtboulevard à la Champs d'Elysée, sondern schlicht und ergreifend eine Einfallstrasse mit viel Berufsverkehr. Immerhin ist es trotzdem leidlich grün, linkerhand liegt ein Wäldchen und grosse Bäume säumen die Trasse. Irgendwann hat man das dann hinter sich und taucht in die Parkanlage ein, die zum Jagdschloss Grünau gehört. Langsam bleibt der Verkehrslärm zurück und man muss sich erstmal an die unverhoffte Idylle gewöhnen. Das Schloss - so fotogen im Morgenlicht liegend - will natürlich abgelichtet werden, und ich parke das Rad am Rande des kleinen Weges, der um das Schloss herum führt. Plötzlich kommt ein Bundeswehr-Unimog um die Ecke geschossen, rast auf mich zu, ohne sein Tempo zu verringern. Der wird doch nicht! Doch, der wird! Ohne zu bremsen weicht er mir aus, indem er einfach den schrägen Wall zwischen Weg und Schlossgraben hochfährt und Grassoden aus dem Rasen reisst…tja…was fällt einem dazu ein? Muss das so sein? Wäre doch auch anders gegangen, ohne gleich einen Flurschaden zu verursachen.

Eine Allee nimmt mich auf, ein sehr sehenswerter Gutshof in Rohrenfeld liegt am Weg und dann geht's wieder über freies Feld oder durch den Wald. Auch hier ist die Bundeswehr präsent, die Rekruten haben wohl "Wandertag". Nochmals eine ähnliche Begegnung mit einem Armeefahrzeug, ebenfalls nicht gerade im Schneckentempo. Das lenkt mich ab. Viel Sinn für die Gegend hab ich heute nämlich nicht. Auwald als solches kenne ich inzwischen zur Genüge. Kurz bevor ich Ingolstadt erreiche, habe ich noch einen Disput mit einer Hundehalterin, die ihren vierbeinigen Gefährten nicht unter Kontrolle hat. Wobei ich diesmal derjenige bin, der unverhältnismässig patzig reagiert. Spätere ärgere ich mich über mich selbst, weil ich der freundlichen Dame nicht adäquat geantwortet habe. Sie kann ja auch nichts dafür, dass ich vor jedem freilaufenden Hund in Hab-Acht-Stellung gehe und dass das dann auf Dauer einfach nervt. Jedenfalls ist mir eine Laus über die Leber gelaufen und eine zweite gesellt sich noch dazu, als ich in Ingolstadt die Wegweisung verliere und mehr recht als schlecht einen radfähigen Pfad am Fluss suche.

Von hier bis Vohburg geht's mehr oder minder unten, neben oder oben auf dem Deich entlang. Es ist die langweiligste Passage der ganzen Reise. Ok, ich muss natürlich auf die Schlaglöcher aufpassen und auf die Stellen mit dem lockeren und tiefen Kies, aber sonst? Bei Grossmehring darf ich wenigstens mal durch die Ortschaft kurven, aber dann werde ich wieder auf den Deich geschickt beziehungsweise ver"damm"t. Dort mache ich die erstaunliche Erfahrung, dass ich (alle Damen bitte weghören) eine Art Blockade habe, ohne Busch, Baum, Mauer oder sonstigen vertikalen Bezugspunkt mein Wasser abzuschlagen, also sozusagen in den freien Raum zu pinkeln, auch wenn niemand in der Nähe ist und ich allerpeinlichst auf die Windrichtung achte. Geht's anderen Männern genauso?

Vohburg bedeutet dann erstmal die (kurzfristige) Erlösung aus der Eintönigkeit: ein nettes kleines Städtchen, wie üblich hier mit sehenswertem Stadtbild. Zwischen Wackerstein und Pförring kann der Blick auch endlich mal wieder über die Landschaft schweifen. Vor lauter Auwald vergisst man ja, dass ringsum auch noch "Gegend" stattfindet. In Pförring scheint's den Einwohnern ganz gut zu gehen, jedenfalls sieht man hier recht umfangreiche und grosszügig angelegte Neubauten. Bevor ich Bad Gögging erreiche, muss ich nochmals für ein Weilchen auf den Damm.

In Bad Gögging scheint der ganze Ort ein einziger Beherbergungsbetrieb zu sein - alles lebt vom Kurbetrieb. Für 25 Euro komme ich in der Pension Holzapfel unter, zum halben Preis meiner gestrigen Unterkunft. Da muss man wohl drüber hinweg sehen, dass es überhaupt keine Waschsubstanz gibt, weder Seife noch Duschgel. So gibt's halt heute nur Katzenwäsche mit blossem Wasser. Kommt mir irgendwie bekannt vor…Stichwort "Gebsattel 2004". Dafür stellt man mir im Zimmer eine eigene Fliegenklatsche zur Verfügung, solcher Luxus ward mir bisher auch noch nie zuteil...

Abends kann man heute draussen sitzen! Es ist, als ob sich der August an seinem letzten Tag für das schlechte Wetter entschuldigen möchte. Die Schwalben sind noch da! Und als ich da so im Garten eines Restaurants sitze und den blauen Himmel betrachte, geht's mir so richtig gut und alles wendet sich zum Guten. Ich meine damit die heutige Tagesetappe, die ich schlichtweg langweilig fand. "Oooh, Baby, it's a wild world…". Cat Stevens klingt leise aus den Lautsprechern. Ausgerechnet der hier in der Hochburg des Katholizismus. Dabei ist der doch konvertiert und damit höchst zwiespältig und verdächtig und eigentlich eine Persona non grata. Aber was wissen wir schon? Wir werden immer nur auf die radikale und fundamentalistische Seite hin getrimmt und die macht uns natürlich Angst. Wo fängt eigentlich die Realität an und wo hört Propaganda auf? Manchmal denke ich mir, mein Leben würde auch seinen Gang gehen, wenn ich KEINE Nachrichten mehr verfolgen würde.

Verfolgt habe ich jetzt also den Donauradweg, und zwar - ihr habt es ja gelesen - seit letztem Samstag. Einerseits hab ich meine allererste Radreise nachempfunden, andererseits hab ich mich auch neugierig nochmals auf diese Route eingelassen. Dabei will ich meine wiederholten Trips in die Gegenrichtung nicht zählen, denn, wie vorher schon lang und breit erklärt, irgendwie empfinde ich den Donauradweg nur in Fliessrichtung als "richtig". Auf die heutige Etappe hätte ich gut und gerne verzichten können, aber sonst gefiel mir der Weg auch auf's Neue recht gut. Morgen kommt ein abschliessender Höhepunkt mit dem Donaudurchbruch bei Kloster Weltenburg und dann sag ich dem Fluss bald Adieu. Sonderbarerweise endet für mich der Donauradweg in Regensburg. Die weitere Strecke, bis Passau oder Wien oder Budapest oder gar bis ins Delta, hat für mich keinerlei Bedeutung. Vielleicht liegt das an meiner familiären Situation: meine Schwester wohnt mit ihrer Familie in Regensburg und mein Vater gut 80 Kilometer weiter nördlich. Tja…so ist das mit den Emotionen und der individuellen Konditionierung und so weiter und so fort…

Und im bayerischen Fernsehen werden sie wegen dem Papstbesuch langsam aber sicher hysterisch...