Samstag, 2.9.06. Von Zeitlarn nach Cham (70 Km)

"a Beya is bessa wey a Schlouftabläddn!" Auf gut deutsch: die Wirkung des Bieres ist der einer Schlaftablette gleichzusetzen, wenn nicht gar überlegen. Und damit sei auch eine der wichtigsten bayerischen Lebenseinstellungen preisgegeben und auch mit einem zäh sich haltendem Vorurteil aufgeräumt: auf dem Stammtisch wird in Bayern nicht nur Politik betrieben, Geschäftliches abgewickelt oder sonstwie gemauschelt, nein, man tauscht sich auch über heilkundliches Wissen jenseits der Schulmedizin aus. Man erfährt, dass löffelweise eingenommenes, lauwarmes Bier den Katarrh heilen kann und eine Urgrossmutter über neunzig wurde, weil sie jeden Tag morgens schon ihre Flasche Bier zu sich nahm.

Aber alles schön der Reihe nach. Ich möchte nur schon mal voraus schicken, dass es heute eine der besten Tagestouren war: idyllische Landschaft, gute Routenführung, und das Wetter erst! Ich kann nämlich gleich mit T-Shirt und hochgekrempelten Hosenbeinen starten und die Handschuhe in die Packtasche verbannen.

Die ersten Meter an diesem strahlend schönen Spätsommertag müssen noch neben der B15 zurück gelegt werden, dann wird es ruhiger, denn der Radweg wechselt über den Fluss und führt über kleine Landstrassen auf der linken Flussseite nach Norden. Die Hügel sind hier dunkel bewaldet, der Fluss allerdings wie gehabt von Weiden gesäumt und lange Uferpassagen von Bauernorchideen überwuchert. Am andren Ufer taucht Regenstauf auf, die Häuser um einen markanten Kegelberg herum drapiert. In Spindelhof, auf "meiner" Flussseite, fahre ich an einer umfangreichen Kloster- oder Schlossanlage vorbei, die Fassade ausnahmsweise mal gotisch.

Weiter auf der ruhigen Strasse…Ramspau…Hirschling…das Tal wird immer enger und ich wechsle das Ufer. Im Regen selbst liegen jetzt grosse, rund geschliffene Felsen. Bei Marienthal - die Ausflugsgaststätte dort kenne ich auch schon seit meiner Kindheit - knickt der Fluss nach Osten ab. Drei Traktoren stehen auf dem Parkplatz herum, die Anhänger mit dicken Baumstämmen beladen, und das dazugehörige "Personal" sitzt in der Gartenwirtschaft und prostet mir zu. Bier am frühen Vormittag, das muss man auch mögen! Das heisst, vielleicht nehmen die ja nur ihre Medizin zu sich...

Das Tal öffnet sich nun langsam und in Stefling und Hof, den nächsten beiden Ortschaften, dominiert jeweils ein Wehrturm das Ortsbild. Und auf dem Regen tummeln sich recht viele Kanufahrer, was mir wieder mal zu Bewusstsein bringt, dass hier in Bayern ja immer noch Sommerferien sind. Hier ist noch "Saison"!

Nittenau hat sich heraus geputzt. Früher immer nur eine Landmarke, ein Programmpunkt, den man abgehakt hat, wenn man mit dem Auto von Oberviechtach nach Regensburg unterwegs war. Eigentlich ist das aber ein ganz nettes Städtchen. Eine weite Wiesen- und Auenlandschaft nimmt mich auf, als ich der grösseren Durchgangsstrasse den Rücken kehre. Die beiden Türme des ehemaligen Benediktinerkosters in Reichenbach tauchen bald im Blickfeld auf, und zwei Kilometer später grüsst die Klosterkirche Walderbach vom anderen Ufer herüber. Und in Kirchenrohrbach gibt's ein niedliches Häuschen mit Barockfassade zu bewundern. Das Bild sollte man sich noch länger auf der Zunge zergehen lassen, denn dadurch lässt sich vielleicht die nun folgende Passage mit grobem Kies besser verdauen - bei mir hat das jedoch nicht funktioniert und so rumple ich halt vorsichtig und langsam weiter…Schliesslich, kurz vor Roding, braucht's auch noch etwas Geduld oder Kraft oder Kletterbereitschaft, denn es geht eine sehr steile Rampe hinauf, und die ist nicht kurz. Dann geht's genauso steil wieder hinab. Dazwischen ist einem aber eine sehenswerte Aussicht über Roding und die blauen Bergen des Bayerischen Waldes vergönnt.

Ab Roding verläuft der Regental-Radweg erstmal noch neben der B85 entlang, bevor er dann auf einem sehr schön zu befahrenden Abschnitt durch die Regental-Aue bis nach Cham geleitet wird. Von der Weite aus sieht man schon die Kirchtürme Chams aus der Ebene auftauchen. Als ich im Kolpinghaus, dem Hotel am Regenbogen, einchecke und noch Kaffee und Kuchen in der Gaststube geniesse, belausche ich das eingangs erwähnte Gespräch über alternative Heilmethoden…

Eigenartigerweise war ich mein Lebtag noch nie in Cham, obwohl es nur gut 40 Km von Oberviechtach entfernt liegt. Das hole ich jetzt nach! Als ich auf dem Marktplatz eine Pizza esse und die Fassaden der alten Stadthäuser begutachte, denke ich mir: man müsste eine Zeitmaschine haben! Ich würde jetzt gerne hier sitzen und die Zeit zurückspulen, so wie mit einem Videorecorder, und bei manchen Szenen anhalten und abspielen…Jahrzehnte…Jahrhunderte zurück. Ich selbst würde dabei wie in einem Kinosessel sitzen wollen und, tja, natürlich unantastbar und unverwundbar sein…Ich möchte nämlich - Hand auf's Herz - nur äusserst ungern von Landsknechten aufgespiesst oder von der Pest dahingerafft werden, nicht auf dem Scheiterhaufen landen, noch von wütenden Marktfrauen mit Runkelrüben beworfen werden… Aber zuschauen! Das würde ich gerne!

Und mein Zimmer verfügt über einen Balkon und zeigt nach hinten auf einen grossen Garten hinaus. Dort feiern zwei Dutzend Senioren ein Grillfest. Ich sitze auf dem Balkon, direkt über den Schmausenden und lausche den Gesprächen, die sich von persönlichen Dingen hin zu jüngsten politischen und gesellschaftlichen Geschehnissen bewegen. Der Fleischskandal. Die Terrorangst. Natürlich auch der Papstbesuch. Sie reflektieren die Trashkultur, die man von den Privatsendern ins Gehirn geschraubt bekommt und man spürt die Hilflosigkeit, weil man wöchentlich mit neuesten Gerätschaften und Neuerungen konfrontiert wird und gar nicht mehr weiss, ob man das nun braucht oder nicht. Ich frage mich, ob es schon immer so war, dass der Lebensstil der jüngeren Generationen um eine Spur schneller war, als der der Älteren? Von der Nachkriegsgeneration weiss ich das, aber wie war das vor 200, 500, 1500 Jahren?