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Samstag, 29.07.2006 - von Stühlingen bis Deisslingen
(65 km)
Heute Nacht hat es etwas geregnet und abgekühlt
und als ich nach dem Frühstück mein Pferd sattle, fängt
es erneut an zu tröpfeln. Doch als ich hinunter zur Wutach rolle,
ist der Spuk auch schon wieder vorüber und die Regensachen verschwinden
in der Packtasche. Meine Route durch das Tal ist nun nicht mehr asphaltiert
und dementsprechend eingesaut sind Rad und Packtaschen nach ein paar Metern.
Noch ist es eben, aber bei Grimmelshofen geht es steil nach oben. Neben,
unter und über mir tropft der Wald und Dunstschwaden wabern über
den Bäumen - ein richtiger Regenwald. Irgendwann komme ich oben aus
dem Wald heraus. Der Panoramablick wäre bestimmt sehenswert, doch
leider hat der Nebel auch noch ein Wörtchen mitzureden und er deckt
den Mantel des Schweigens über das Geschehen und weigert sich, den
Vorhang aufzuziehen. Ich vertraue den Radwegweisern, die mich nach Blumberg
führen sollen, rolle auf die nächste Ortschaft, auf Fützen,
zu. Hier könnte man eigentlich in der Ortsmitte bequem nach links
in die Hauptstrasse einbiegen, warum man aber bergab zum Mühlbach
geleitet wird und gleich im Anschluss darauf wieder hinauf zum Bahnhof,
ist mir ein Rätsel. Zumal dieser Anstieg geschoben werden muss -
fragt mich nicht nach den Steigungsprozenten! Wahrscheinlich liegt's an
der Museumsbahn Wutachtal und einem Eisenbahn-Lehrpfad, auf den man auch
den geneigten Radfahrer aufmerksam machen möchte. Immerhin wartet
hier eine Dampflok auf die Abfahrt und ein paar Minuten später stehe
ich an einer Eisenbahnbrücke und kann den unter mir vorbei fahrenden
Zug fotografieren und werde auch noch tüchtig ein- bzw. zugedampft.
Da gibt's natürlich auch einschlägige Kindheitserinnerungen,
mein Elternhaus liegt schliesslich direkt an einer Regionalbahnlinie,
die in den sechziger Jahren noch nicht stillgelegt war und auf der damals
auch noch eine Dampflok verkehrte.
So, jetzt kommt der saure Apfel des Tages, nämlich die Fahrt über
eine Hügelkette, die hier den Weg nach Norden "versperrt".
Auf meiner Landkarte sind gleich drei Steigungspfeile eingezeichnet und
kurz darauf weiss ich auch warum. Auch diesen Anstieg kann ich nicht ganz
hoch treten und muss ein Teilstück davon schieben, ich komme sogar
mit dem leichtesten Gang an meine physischen Grenzen, aber damit lässt
sich leben. Unangenehm sind dagegen die vielen Autofahrer auf dieser Strasse,
die anscheinend nicht damit rechnen, dass hier auch Radler hochstrampeln,
denn sonst würden sie die Kurven nicht so eng schneiden...genug!
Irgendwann stehe ich an der "Passhöhe", verschnaufe kurz
und rolle hinunter nach Zollhaus ins Tal der Aittrach. Und dort sehe ich
auch schon die Beschilderung des Heidelberg- Schwarzwald-Bodensee-Weges.
Das trifft sich gut, denn auf dieser Route möchte ich nach Donaueschingen
und weiter bis Schwenningen zum Neckar radeln. Parallel zur Bundesstrasse
verläuft der Weg nach Norden, leider nicht mit denselben sanften
Steigungen/Gefälle. Es ist jedoch gutes Radlwetter und die Landschaft
ist abwechslungsreich und vor allen Dingen sehenswert.
Nach Riedböhringen und noch vor Behla tut sich auf einmal rechts
der Blick auf das weite Donautal auf, eine flache Ebene, von sanften Hügeln
begrenzt, der Horizont verschwindet im Dunst, man kann jedoch noch den
Wartenberg bei Geisingen in der Ferne erkennen. Wenn mir nichts dazwischen
kommt, werde ich in ein paar Wochen von hier aus die Donau entlang radeln,
ich freu mich schon drauf. Aber nur - wie gesagt - falls nichts dazwischen
kommt. Jetzt gleite ich hinunter in dieses Tal, rausche in den Ort Sumpfohren
hinein. Eigentlich möchte ich weiter nach Pfohren und von dort ein
paar Minuten Donau aufwärts Richtung Donaueschingen fahren, vor dieser
Stadt dann nach Norden abbiegen und Schwenningen ansteuern. Aber in Sumpfohren
bekomme ich irgendwas nicht auf die Reihe und finde mich halt dann doch
auf dem Weg in die Donaueschinger Innenstadt wieder. So kann's gehen!
Wenigstens kann ich der Breg, dem rechten Zufluss der Donau, guten Tag
sagen, ihr ein Weilchen folgen und bald mit anderen Reiseradlern durch
den Donaueschinger Schlosspark rollen - die biegen allerdings in Richtung
Donau ab.
Um elf Uhr sitze ich dann reichlich angemüdet in einem Strassencafé
auf dem Marktplatz und bestelle Weisswürstl mit Brez'n und süssem
Senf. Und das im Schwabenland! Reichlich Tourismus hier in Donaueschingen,
das bin ich gar nicht mehr gewohnt, nach den zwei "einsamen"
Radltagen. Gesättigt und wieder ein bisschen erholt suche ich dann
(m)einen Weg zum Neckar. Das ist zuerst gar nicht so einfach, da die meisten
Schilder auf den Donauradweg hinweisen. Und so gibt's eben die ein oder
andere Irrfahrt bis ich endlich halbwegs auf Strecke bin und - schon ausserhalb
der Stadt - radle ich dann nochmals gut zwei Kilometer in die falsche
Richtung, weil ein Schild an einer Wegkreuzung durchaus auf zwei Arten
interpretiert werden kann. Unnötig zu schreiben, auf welche Weise
ich es interpretiert habe
Auf der Landkarte sieht der kommende Abschnitt recht flach aus, in der
Realität gibt's hier auf meinem Weg keinen einzigen flachen Meter.
Zwar warten hier keine harschen Anstiege auf, aber dieses stetige Auf
und Ab über welliges Gelände lässt keinen rechten Rhythmus
aufkommen, immer wieder kurze Rampen, für die ich den kleinsten Gang
benötige. Solcherart mit Klettern und vorsichtigem Abfahren beschäftigt,
verpasse ich doch glatt die Neckarquelle und finde mich nach einem Waldstück,
dem wohl der letzte Wintersturm die Zähne ausgeschlagen hat, innerhalb
des Stadtgebietes von Schwenningen wieder. Aber jetzt höre ich auf
mit dem Gejammere über die Steigungen! Wer nicht klettert, bekommt
auch keine schönen Aussichten geboten! Und deswegen bin ich inzwischen
bezüglich einer hügeligen Topografie gar nicht mehr negativ
eingestellt. Ich merke halt nur, dass meine Kondition nicht die allerbeste
ist und so ein Tag wie heute zeigt mir schon mal meine Leistungsgrenzen
auf. Zudem bereitet mir das Fahrrad Sorgen, bzw. die Bremsleistung: ein
paar Tage vor dieser Reise hat die Zugkraft der vorderen Scheibenbremse
etwas nachgelassen. Ich hab das allerdings geflissentlich ignoriert und
mir gedacht, dass sie die paar Radltage hier noch überstehen wird.
Aber bei dem vielen Gebremse gestern und heute ist die Bremse immer schwächer
geworden und jetzt tendiert die Bremswirkung gen Null. Immerhin greift
die hintere Bremse noch fest zu und hat bei der Speedmachine samt Gepäcktaschen
(und dem auch nicht gerade leichten Fahrer) eine recht gut Verzögerung.
Allerdings ist es schon grob fahrlässig, mit nur einer Bremse unterwegs
zu sein. Hoffentlich finde ich einen Fahrradladen, der Bremsbeläge
für meine Bremsen führt.
Den Neckar - hier erstmal nur ein Rinnsal - sehe ich dann das erste Mal
neben einer Wohnsiedlung in einen parkähnlichen Grüngürtel
integriert, ein kleines Bächlein. Gleich ausserhalb der Stadt gibt's
einen kleinen Flugplatz samt Museum, wo jemand mit einem Doppeldecker
Kunstflug übt. Jetzt bin ich also am Neckar angekommen und die allgemeine
Tendenz ist abschüssig: mit kaum wahrnehmbaren Gefälle rollt
es sich leicht und bequem dahin.
Wie weit denn heute noch? Rottweil ist die nächst grössere Stadt,
noch vielleicht zwanzig Kilometer entfernt. Dummerweise dräuen gerade
in dieser Richtung dunkle Wolken und als ich näher komme, kann ich
schon den niedergehenden Wolkenbruch anhand der senkrechten Streifen erahnen.
Ist ja eine richtige Suppe da vor mir, das hat mir grade noch gefehlt,
so kurz vor Etappenende!
In Deisslingen will ich schon mal vorsorglich meine Regensachen anziehen,
als ich mit der Nase auf das Hinweisschild eines Hotels stosse. Zwei Uhr
nachmittags, aber erst fünfundsechzig Kilometer auf dem Tacho. "Lass
gut sein, Martin", denke ich mir - heute war's ja wirklich reichlich
anstrengend! Im Hotel
Hirt gibt's dann glücklicherweise noch ein Einzelzimmer für
mich, die Sache ist geritzt! Abends kann ich auf der Hotelterasse sitzen,
denn das Wetter bessert sich wieder, kann meine Lektüre weiterverfolgen,
Tagebuch schreiben und mich mit Trollinger nachdopen. Und später
bekomme ich im TV noch ein älteres Video von U2 - "Where the
streets have no name" - mit. War das damals grossartige Musik! Das
"Joshua Tree"- und das "Unforgettable Fire"-Album...
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