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Sonntag, 30.07.2006 - von Deisslingen bis Herrenberg
(91 km)
Als ich um circa sieben Uhr aufbreche und mich wieder der
Route entlang des Neckars anvertraue, erklingt rechts von mir eine Gegenlichtsymphonie:
Dunst und Nebel liegen über dem Flusstal und die Sonne sendet ihre
Strahlen da hindurch. So friedlich und ruhig und jungfräulich sieht
das alles aus! Rottweil ist der erste markante Programmpunkt der heutigen
Tagesetappe. Es ist die älteste Stadt Baden Württembergs und
soll dazu auch noch recht sehenswert sein. Als ich auf der Hauptstrasse
dem Rottweiler Münster entgegen radle, kann ich links immer wieder
mal in verkehrsberuhigte Altstadtgassen blicken. Doch dort hinein radeln
und die Stadt besichtigen mag ich jetzt nicht, dazu bin ich viel zu versessen
auf's Vorwärtskommen, schliesslich habe ich meine Fahrt erst vor
einer halben Stunde begonnen. Nach ein paar Kilometern kann ich auf einer
lang gestreckten Abfahrt hinunter ins Neckartal gleiten und unten auf
Flussniveau geht's flott voran.
Auch hier sind die Wälder nicht im besten Zustand, viele abgestorben
Nadelbäume oder von Winterstürmen teilweise blank gefegte Hänge...schade!
Als ich unter der Autobahnbrücke hindurch rolle, wechselt der Belag
des Radweges auf Asphalt. Es ist ein recht idyllisches Fleckchen Erde
hier, das muss man schon auch sehen: der Fluss mäandert lustig vor
sich hin, immer wieder gibt es Holzbrücken über den Neckar und
irgendwo soll auch die Neckarburg zu stehen, oder zumindest das, was von
ihr übrig ist. Aber das verpasse ich irgendwie. Und dann, man möcht's
angesichts der schönen Landschaft hier gar nicht glauben, komme ich
an einer Schrottsammelstelle vorbei. Ein riesiger Berg Alteisen liegt
hier rum, und das ganze "Ensemble" mutet fast wie ein modernes
Kunstwerk an
so ein total wichtiges modernes mit sozialkritischem
Realitätsbezug oder so
so was kennt man ja von diversen Museen
na
ja...
Weiter voran auf dem Neckarradweg. Es fährt sich fantastisch bis
Oberndorf. Sogar der Abschnitt zwischen Talhausen und Epfendorf, wo man
in meinem betagten Bikeline-Führer von 1995 noch auf die Bundesstrasse
geschickt wurde, verfügt inzwischen über eine eigenen Radtrasse.
Mir soll's recht sein! Nach Oberndorf wartet dann wieder ein gut befahrbarer
Naturweg auf den Radler. Und wie es in engen Flusstälern eben so
Usus ist, kann der Weg nicht immer im Talgrund bleiben, sondern folgt
der topografischen Beschaffenheit des Talrandes - so gibt es eben die
ein oder andere Abfahrt und ein paar Schritte weiter das symmetrische
Gegenstück dazu. In Sulz am Neckar ist gerade die Messe aus und eine
neue Brücke wird gebaut, weswegen man uns fahrendes Volk umleitet.
Allerdings mit vorbildlicher Ausschilderung. Ausgeschilderte Umleitung
für Radler? Sieht man auch nicht alle Tage...
Allmählich sind dann doch etwas mehr Radler unterwegs, Tagesausflügler,
Rennradfahrer, aber auch so Typen wie ich, also mit bepackten Velos und
dem gewissen Blick in die Ferne... Als das Stadtpanorama von Horb langsam
ins Blickfeld rückt, muss ich eine Entscheidung treffen: wenn ich
zur Würm und zur Enz will, dann sollte ich allmählich dran denken,
das Neckartal zu verlassen, was mich angesichts der zu erwartenden Kletterpartie
jetzt gar nicht so anmacht. Lieber doch hierbleiben und den Neckar bis
zur Kochermündung befahren? Wäre auch nicht schlecht! Ich entscheide
mich aber dann doch für meinen ursprünglichen Plan. Zwischen
Mühlen und Börstingen gibt es eine kleine Strasse den Berg hinan
nach Rohrdorf. Die Steigung verläuft im Wald und ist somit schattig
und harmloser, als auf den ersten Blick vermutet, und nach relativ kurzer
Zeit bin ich oben.
Es geht jetzt über Bahnhof Eutingen nach Baisingen. Irgendwo, ein
Gewerbegebiet breitet sich linkerhand aus, sehe ich voraus einen grossen
schwarzen Hund, der einen kleinen Jungen mit sich zieht, noch weiter voraus
eine Gruppe Radler und direkt vor mir einen weiteren Radfahrer, der angehalten
hat und das alles beobachtet. Als ich zu ihm aufschliesse, erzählt
er mir, dass der Hund (ein Rottweiler) gerade die vorausfahrende Radlergruppe
angefallen hat und der Junge absolut machtlos gewesen sei
zum guten
Glück verschwinden Hund samt Knabe nun in einer Einfahrt und wir
können passieren. Manchmal fragt man sich schon
oder? Was denken
sich die Leute? Zur Ehrenrettung der Hundebesitzer sei allerdings auch
erwähnt, dass ich auch auf dieser Reise vorbildlich handelnde Hündeler
getroffen habe, die sofort ihre Tiere zu sich gerufen und meist auch angeleint
haben, als sie auf mich aufmerksam wurden! Aber es gibt eben schwarzen
Schafe und die berühmte Ausnahme, die die Regel bestätigt.
In Baisingen will ich eigentlich der Route folgen, die ich mir von http://www.fahrrad-tour.de
ausgedruckt habe und den Ort Bondorf auf kleinen Wirtschaftswegen ansteuern.
Aber hier baut man seit kurzem eine grosse Umgehungstrasse und nichts
ist mehr so, wie es auf meiner Landkarte eingezeichnet ist. So folge ich
dem Beispiel eines anderen Radlers, der die schon asphaltierte, aber dem
öffentlichen Verkehr noch nicht freigegebene neue Strasse nutzt.
Geht auch. Zwischen Bondorf, Öschelbronn und Nebringen dann welliges
Ackerland, nicht sonderlich spektakulär. Nach Nebringen rolle ich
allerdings in ein weites Tal hinunter - dort unten fliesst die Ammer -
und darf ein prächtiges Panorama geniessen. Die vorherrschende Farbe
ist das Gelb der Getreidefelder, in der Ferne die blauen Hügelketten
der Schwäbischen Alb.
Es ist inzwischen wieder schwül und heiss geworden und meine Wasserflasche
leert sich pünktlich zum Etappenende. Nochmals ein kurzes Doping
mit Fisherman's Friends und dann gilt es, von Gültstein an, die letzten
Kilometer nach Herrenberg auf einem Radweg zurückzulegen, sanft aber
stetig ansteigend. Hier reicht's dann aber auch für heute. Zwei Hotels,
die ich vor der Tour im Internet recherchiert habe, erweisen sich als
Niete - das eine existiert überhaupt nicht und beim anderen erscheint
niemand, als ich wie befohlen die Klingel betätige. Immerhin erhasche
ich auf diese Weise einen Blick auf die von Touristen schier überquellende
Altstadt Herrenbergs. Ganz neu ist mir dieses Städtchen allerdings
nicht, denn eine Freundin aus Studiumszeiten - Annette - stammt aus Herrenberg.
Als ich damals vor gut zwanzig Jahren mit meinem Freund Tom auf dem Weg
nach Verdun und weiter in die Normandie und Bretagne unterwegs war, haben
wir Annette besucht - und ich kann mich noch gut an diese trutzige Kirche
hier erinnern.
Also, die beiden Hotels waren eine Niete, soviel ist klar. Als ich unterkunftsuchend
über Kopfsteinpflaster rolle, bemerke ich zu allem Überfluss
auch noch einen Plattfuss am Vorderrad, das muss also jetzt auch noch
sein! Doch plötzlich stehe ich vor dem Hotel
Hasen und dort wird mir geholfen, das heisst, man hat ein Zimmer für
mich frei. Den Reifen flicken muss ich natürlich selber. Anhand meiner
heutigen Ungeschicklichkeit beim Aufziehen des Mantels auf die Felge,
kann man ablesen, wie fit ich noch bin
Trotzdem: die ersten sechzig
Kilometer im Neckartal haben heute wirklich Laune gemacht! Die Fahrt vom
Neckartal nach Herrenberg waren landschaftlich dann nicht mehr so sehenswert,
für mich ist es einfach eine Transitstrecke ins Würmtal.
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