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Montag, 31.07.2006 - von Herrenberg nach Bietigheim
(109 km)
Heute nehme ich es aber mal wirklich mit der Ruhe,
sage ich mir am Frühstückstisch! Es wartet der Radweg entlang
der Würm auf mich. Diesem werde ich bis Pforzheim folgen und von
dort an die Enz begleiten. Doch jetzt muss ich erstmal ins Würmtal
kommen. Auf meiner ausgedruckten Wegbeschreibung ist die Route zwar genau
beschrieben, aber als ich am Morgen wieder in die Herrenberger Innenstadt
zurück radle, vertraue ich mich lieber der Beschilderung vor Ort
an, die mich ebenfalls nach Nufringen führt - so muss ich nicht dauernd
mit dem Papier hantieren.
Die Route weicht allerdings etwas von der ausgedruckten ab und so bin
ich auf den ersten Kilometern dieses Tages mit dem Pendelverkehr konfrontiert,
der Richtung Böblingen und Stuttgart unterwegs ist, wenn auch auf
eigener Trasse. Aber eben in Sicht- und vor allen Dingen Hörweite
der grossen Verkehrsachsen. So geht das bis Gärtingen und so geht
das im Prinzip auch bis Aidlingen. Doch hinter Gärtringen hab ich
wenigstens wieder Landschaft um mich herum, und nicht nur Wälle und
Böschungen, und darf eine lange und sanfte Gefällestrecke nach
Aidlingen hinunterrollen.
In Aidlingen selbst will dann der Einstieg in den Würmtalradweg gefunden
werden. Zuerst nehme ich die falsche Abzweigung und lande völlig
im Off. Ich bitte einen Herrn um Auskunft. Dieser ist zwar sehr freundlich,
aber alles andere als nüchtern und ich blicke in glasige Augen. Er
ist jedoch noch so bei Sinnen, dass er mir völlig korrekt den Weg
zeigt. Das dann doch! Und nun kann ich recht schön auf halber Höhe
dem Tal der Würm entlang radeln. Der ganze Trubel und Verkehrslärm
verschwindet hinter mir und (wohlverdiente?) Ruhe macht sich breit.
Lange bin ich alleine, ab und zu begegne ich einer Gruppe Nordic Walker
und einmal kommen mir vier Reiseradler aus Holland entgegen. Ich radle
an einer Sitzbank unter einem freistehenden Baum vorbei, daneben befindet
sich ein Mülleimer und um den Mülleimer herum allerhand Abfall
und Unrat - was sind wir Menschen doch für Schweine! Ob wir es noch
lernen, bevor es ganz zu spät ist?
In Weil der Stadt gönne ich mir eine erste Pause und geniesse ein
Schoko-Croissant und einen Kaffee neben dem historischen Rathaus. Irgendwann
tauche ich dann ein in ein ausgedehntes Waldgebiet, der Weg wird für
eine kurze Weile etwas gröber und über mir schliesst sich ein
grünes Dach. Rechts von mir gluckst der Fluss und schäumt über
kleine Kaskaden und "Stromschnellen". Sechs oder sieben Kilometer
vor Pforzheim hat man den Weg asphaltiert und diese Strecke verleitet
zu etwas schnellerer Gangart. Und dort semmelt es mich dann auch fast,
als mein Vorderrad in einen Spalt in der Teerdecke rutscht und fast aus
der Bahn gedrängt wird. Zum guten Glück bekomme ich die Chose
noch geregelt - ein Hoch auf die Reflexe! - und schlittere nur eine Weile,
bevor ich das Rad wieder ausbalancieren kann. Aber mir zittern jetzt doch
ein bisserl die Knie und ich diszipliniere mich etwas und fahre vorsichtiger
weiter...
Die Würm mündet zusammen mit der Nagold bei Pforzheim in die
Enz. In Pforzheim müssen die Flüsse erstmal auseinander dividiert
werden, so dass man nicht etwa versehentlich dem falschen folgt. Sowas
kann durchaus vorkommen. Ich frage mich zur Enz durch, und als ich vor
diesem Gewässer stehe, habe ich erstmal Mühe, die Fliessrichtung
ausfindig zu machen, denn die Enz wirkt an dieser Stelle fast wie ein
stehendes Gewässer, und ausserdem verursacht der Wind dazu auch noch
kleine Wellen, sodass man erstmal überhaupt nicht weiss, wo's denn
nun flussabwärts geht.
Es gibt natürlich auch hier die üblichen grossen Verkehrsachsen
und das Gefühl für Landschaft und Fluss stellt sich erst ein,
als sowohl Pforzheim und als auch die Stadt Eutingen hinter mir liegen.
Im Gegensatz zu vorher wartet nun ein geräumigeres Flusstal auf mich.
Langsam werde ich müde und denke allmählich an ein Etappenende.
Ich beschliesse, ruhig und gemächlich bis Vaihingen zu fahren und
mir dort eine Unterkunft zu suchen. Doch dort sieht's diesbezüglich
alles andere als rosig aus: am Ortseingang ist an einer Infotafel zwar
ein Hotel Garni angeschrieben, aber das lässt sich nicht auffinden.
Auf dem Marktplatz - der übrigens durchaus sehenswert ist - gibt's
zwar einen Gasthof, aber der öffnet erst um 17:30 - so lange mag
ich die Zeit nun auch wieder nicht totschlagen.
Ich gönne mir noch einen Kaffee, teile ein Stück Obstkuchen
mit einem halben Dutzend Wespen und lasse mich von den beiden netten Konditorei-Verkäuferinnen
beraten. Also, die nächste Strasse rechts, dann vielleicht hundert
Meter, und dort gäbe es noch einen Gasthof, der hat auch Zimmer und
den ganzen Tag über geöffnet. Pustekuchen! Dort hat man am Montag
generell Ruhetag
Also weiter. In Bietigheim-Bissingen wird's bestimmt
Übernachtungsmöglichkeiten geben. Und die fünfundzwanzig
Kilometer bis dorthin werde ich wohl auch noch in den Beinen haben. Es
fängt zwar ein klein wenig zu regnen an, aber das drückt auch
die Temperaturen nach unten, und so lässt sich dieser letzte Abschnitt
der heutigen Etappe eigentlich ganz angenehm bewältigen. Bedenklich
ist nur, dass es hinter meinem Rücken dunkler und immer dunkler wird.
Aber ich habe Glück: erst als ich im Hotel
Rose in Bietigheim einchecke, geht der Wolkenbruch nieder.
Bietigheim hat ebenfalls eine sehenswerte historische Altstadt. Als ich
auf der Suche nach neuer Reiselektüre durch die Buchläden der
Stadt streune, fällt mein Blick auf den Bikeline-Radführer "Kocher-Jagst-Radweg".
Eingedenk der Tatsache, dass ich ab morgen den Kocher hoch will
und
na ja
mal so gesehen...und man gönnt sich ja sonst nichts
jedenfalls:
zehn Euro sind ja nun wirklich nicht die Welt
kurz und gut: langsam
kann ich zuhause dann ein Landkarten- und Reiseführer-Museum eröffnen...
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