Dienstag, 01.08.2006 - von Bietingen bis Künzelsau (95 km)

Nein! Heutzutage muss man buchstäblich mit Allem rechnen! Mit Allem! Es ist eigentlich kaum zu glauben: als ich um 15:30 in Künzelsau im Hotel Anne Sophie vorspreche - der Tacho zeigt satte fünfundneunzig Kilometer und ich hatte hier schon mittags telefonisch ein Zimmer gebucht - bedeutet man mir, dass etwas dazwischen gekommen wäre und mittlerweile ein anderer Gast mit "meinem" Zimmer bedacht wurde, ein Gast, der schon gestern hier übernachtet hätte und spontan seinen Aufenthalt habe verlängern wollen. Natürlich würde man mich weiter vermitteln, aber vergleichbare Qualität gäbe es hier am Ort natürlich nicht (das Hotel Anne Sophie hat sage und schreibe ganze drei Sterne…), die anderen Herbergsbetriebe seien wohl noch auf dem Niveau der siebziger Jahre stehen geblieben, meint die junge Dame an der Rezeption etwas…tja…wie sagt man? Arrogant? Süffisant? Schnippisch? Jedoch ein paar Kilometer weiter zurück in Indelfingen gäbe es einen Partnerbetrieb, fände man vergleichbar Komfortables…wenn ich wolle… Ich will nicht! Ich fahre heute nicht nochmals zurück und beziehe lieber ein Zimmer in einem Gasthof im Ort ein paar hundert Meter weiter (der "auf den Niveau der siebziger Jahre stehen geblieben" ist) - und das Zimmer ist OK! Eigentlich bin ich froh, überhaupt eine Unterkunft zu bekommen, denn die ganze Zeit über sind mir im Kochertal grosse Radlergruppen entgegen gekommen - und genau deswegen hab ich ja heute Mittag schon ein Zimmer vorgebucht.


Jedenfalls bin ich bezüglich dieser Episode nur baff und verblüfft und kann gar nicht recht reagieren, erst später spüre ich dann den Ärger hoch kochen. Ich selbst habe keine Ahnung, ob eine mündlich getroffene Vereinbarung wie zum Beispiel eine Zimmerreservierung (die mir ja zugesagt wurde) überhaupt eine gewisse Rechtsgültigkeit hat oder nicht - darüber müssten Rechtskundige befinden - aber solch ein Verhalten ist einfach eine Ungezogenheit! Ich will hier keine Geschäftsschädigung betreiben und auch von diesem Hotel Anne Sophie nicht unbedingt abraten - unter Umständen hatte ja nur die Dienst tuende Person einen schlechten Tag - aber vielleicht tut man gut daran, wenn man sich eine Vorausreservierung bei/von diesem Hause irgendwie bestätigen lässt. Nur so als Tipp…


Heute war eh ein Tag minderer Motivation, was wohl am trüben Wetter gelegen haben mag, mit dem ich heute Morgen begrüsst wurde. Und dann hat mich eine Wespe in den Oberschenkel gestochen, ziemlich genau an der Stelle, wo die untere Extremität aus dem Torso herauszuwachsen pflegt (erstaunlich, wie viele Quadratzentimeter Körperoberfläche anschwellen und sich röten können…und das alles nur durch einen kleinen Einstich). Und dann vermisse ich einen meiner nagelneuen Sealskinz-Handschuhe, die ich vor dieser Reise und nach der Regenerfahrung der Lothringen-Tour erstanden habe. Wahrscheinlich hab ich beim häufigen An- und Abziehen der Regensachen heute irgendwann denn Überblick verloren.


Man sieht: heute scheint schon von vornherein der Wurm drin gewesen zu sein. Obwohl der Tag als solches - abgesehen von den geschilderten Vorkommnissen - eigentlich ein guter war! Besagte wasserdichte Regenhandschuhe kamen gleich in der Frühe zum Einsatz, als immer wieder mal ein Regenschauer auf mich nieder ging.


Zuerst blieb ich heute der Enz auch auf ihren letzten Kilometern bis Besigheim beziehungsweise Walheim treu. Dort bin ich wieder auf den Neckar gestossen, der mittlerweile doch ein recht ansehnlicher Fluss geworden ist. Weiter ging's flussabwärts. Bei Lauffen habe ich das Ufer gewechselt und bin rechts-neckarisch weiter geradelt. Dann bequem durch einen lang gestreckten Grüngürtel nach Heilbronn hinein, und dort war mein weiterer Weg schon gut ausgeschildert - es sollte über Neckarsulm nach circa Bad Friedrichshall gehen, um dort auf den Kocher zu treffen.


Von Heilbronn bis Bad Friedrichshall (genauer: Kochendorf) unansehnliche, doch gut befahrbare Route entlang Ausfallstrassen und Gewerbegebieten. Hier macht das Neckartal sowieso nicht viel her. Ab Heilbronn ist der Fluss schiffbar und dort gibt es auch einen Umschlagplatz und natürlich reichlich diesbezügliche Infrastruktur.


In Kochendorf führt ein Fahrradgeschäft zwar ein grosses Repertoire an Ersatzteilen und Rädern, Bremsbeläge für meine Bremse hat man jedoch nicht. Dafür gibt's im Ort eine Döner-Bude mit einem leckeren Kebab für mich - ein wirkliches Highlight heute!


Endlich bin ich am Kocher und freue mich über die plötzliche Stille und über die Wegführung in diesem Tal. Zudem gefällt mir die Landschaft, die anfänglich noch vom Weinbau geprägt ist. Auf dem Fluss viele Kanufahrer, und auf dem Radweg eine erkleckliche Anzahl Reiseradler.


Das war also der heutige Tag - irgendwie zwiespältig und doch auch ganz schön. Abends esse ich ein Gyros (also im Prinzip Döner #2) in einem Restaurant mit italienischem Namen. Kein Vergleich mit dem Kebab heute Mittag. Es braucht einen Ouzo, um das Alles wieder zu nivellieren... der Böll bleibt heute in der Packtasche, ich gönne mir einen Fernsehabend...