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Samstag, 18. August 2007. Von Zürich-Oerlikon
nach Ramsen (75 Km) Oje meine Ungeduld! Manchmal muss ich einfach über mich selber lachen. Natürlich bin ich heute schon beim Morgengrauen wach! Eigentlich schon vorher, wenn man's genau nimmt. Um kurz nach sechs werfe ich die Kaffeemaschine an, geistere im Halbschlaf durch die Wohnung, checke auf dem Balkon Temperatur und Wetterlage und schreibe sogar noch ein paar Zeilen in das Logbuch meiner Website. Wenn doch nur die Zeit vergehen würde Rein in die Klamotten, frische Brötchen vom Bäcker besorgt und nun wird auch Margrit wach und setzt sich auf eine Tasse Kaffee zu mir an den Frühstückstisch. Meine sieben Zwetschgen finden diesmal Platz in Margrits grünen VAUDE-Packtaschen, denn die kaputten Verschlüsse meiner alten Ortliebs sind noch immer nicht repariert bzw. ich hab mich noch nicht entschieden, ob ich mir nach all den Jahren mal einen neuen Satz Packtaschen leisten will oder nicht (jetzt, wo ich diese Zeilen hier schreibe, sind sie aber wieder repariert - der Schuster hat mir die gebrochenen Verschlüsse gegen neue ersetzt. Ist mir ganz recht so, denn ich hänge irgendwie an diesen Veteranen). Jedenfalls haben die VAUDEs etwas mehr Fassungsvermögen und passen zusammen mit meiner grünen Trinkflasche höchst elegant an die silbergraue Speedmachine. Wenig wiegt mein Gewicht (nicht meines, sondern das meines Gepäckes) und möge doch auch das seelische Gewicht im Laufe der Reise ein wenig leichter werden. Und dann geht's endlich los! Ein paar hundert Meter hinter dem Bahnhof Oerlikon, den ich vorsichtig quere, stosse ich auf den Wander- bzw. Radweg entlang der Glatt. Speedy hat genau hier siebentausend Kilometer drauf, das Display des Tachometers zeigt mir eine schöne runde Zahl. Das trifft sich gut, denn jetzt kann ich die gefahrenen Gesamtkilometer ohne grosse Rechenarbeit ablesen. Die Temperaturen sind angenehm kühl, aber die Sonne wird die Wolken- bzw. Nebeldecke wohl bald weg geleckt haben und dann werde ich recht ins Schwitzen kommen. Ich rolle mich erstmal gemütlich ein. Nur nichts übertreiben und so - das Etappenziel steht fest, ich kenne die Strecke in- und auswendig, und wenn ich's jetzt zu schnell angehe, treffe ich noch vor dem Mittagessen ein und das ist mir zu früh. Also gemach, gemach. Lieber mal sehen, was hier so abgeht: Ein paar Hundehalter sind mit ihren Schützlingen unterwegs, der ein oder andere Jogger beim Morgentraining, nur die Jets am Flughafen Kloten starten und landen stur noch Flugplan. Billy Joel reist heute morgen mit. Der Song "You may be right" aus dem "Glasshouses"-Album geht mir nicht aus dem Ohr: Friday night I crashed your party Ich weiss gar nicht warum. Die Platte habe ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gehört. Doch der Song ist eine flotte Rock-Nummer und das geht ganz gut mit meiner Aufbruchstimmung zusammen. Nach etwa fünfzehn Kilometern wechselt der Belag des Weges und ab hier hat man glatten Asphalt unter den Reifen. Da lässt sich auf der tendenziell leicht abschüssigen Strecke eine recht flotte Reisegeschwindigkeit erzielen, ohne dass man gross in die Pedale zu treten hätte. Nicht fern von Bülach feiert man auf einer Wiese ein Openair-Festival. Indianertipis sind aufgebaut, eine Bühne. Dazu sind Kinderspielplätze improvisiert, es gibt zwei Festzelte, einen offenen Ausschank - und ausserdem treffe ich auf eine Anzahl sichtlich übernächtigter Kids, die am Radweg stehen, liegen oder sitzen und anscheinend keine Ahnung haben, dass hier meist reger Fahrradbetrieb herrscht und auch Rennradfahrer auf dieser Passage gerne Gas geben. Kurz bevor die Glatt in den Rhein mündet, hat die flotte Herrlichkeit ein Ende und eine moderate Schräge wartet auf den Radler. Oben angekommen geht es durch welliges Terrain weiter bis nach Eglisau. Der Ort liegt recht malerisch am Rhein. Das vergisst man jedoch meist gleich wieder, wenn man innerorts den harschen Anstieg auf das Plateau des Rafzer Feldes hinauf schnauft. Verschnaufen kann man sich dann auf den nächsten Kilometern, denn da geht es wieder flach dahin. Wil und Rafz sind nette kleine Weindörfer mit Fachwerkhäuschen, da wirkt alles recht beschaulich. In Rafz habe ich ein Déja-vu-Erlebnis, weil es hier schon wieder - wie im letzten Jahr - nach Modellbaubenzin riecht. Nachdem ich über die Grenze nach Lottstetten gewechselt, den abschüssigen Weg entlang der Bahnlinie hinab gebrettert bin, gibt's auf der Ortseinfahrt nach Jestetten beinahe einen Unfall: Ein Lastwagenfahrer überholt mich und beschleunigt dazu recht kräftig und auf der Gegenfahrbahn biegt ein PKW kurz vor diesem Lastwagen links ab und kommt gerade noch so vor seiner Schnauze vorbei. Uff da war der Schutzengel des Linksabbiegers wohl auf Zack möchte nicht wissen, wie es der Beifahrerin im Falle eines Aufpralls ergangen wäre Neuhausen. Am Rheinfall vorbei. Schaffhausen. Dann immer dem Fluss folgend in Richtung Stein am Rhein. Diese Route bin ich schon so oft gefahren und hab sie wohl auch schon genauso häufig beschrieben. Es ist eine sehenswerte Strecke, das Flusstal ist interessant und es lässt sich hier gut radeln. Ausserdem gibt es visuelle Leckerbissen wie das Stadtpanorama von Diessenhofen zu sehen, inklusive der alten Rheinbrücke. Das wissen natürlich auch andere - und so sieht man heute viele Velofahrer den Rhein entlang ziehen, ein Grossteil der Räder ebenfalls mit Packtaschen bestückt. Kurz bevor ich den Rheinradweg in Richtung Ramsen verlasse, erschrickt, als ich sie überhole, noch eine anglophone Dame ob meines Anblickes. "Oh, my God" höre ich nur noch, als ich an ihr vorbei ziehe. Hihi Auf den letzten Kilometern rückt dann die Landschaft
des Hegau ins Blickfeld. Ich nähere mich meinem ersten Etappenziel.
Es wartet ein gemütlicher Nachmittag und ein ebensolcher Abend auf
mich. Tagebuch schreiben, mit den Wirtsleuten plaudern, ein leckeres Abendessen
geniessen, die Ruhe auf mich wirken lassen, mir die Strecke der nächsten
Tage auf der Zunge zergehen lassen
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