Dienstag, 21. August 2007. Von Gögglingen nach Aalen (83 Km)


Gögglingen > Ulm > Ober- und Unterelchingen > Langenau > Wettingen > Setzingen >Bissingen > Eselsburg > Herbrechtingen > Heidenheim > Itzelberg > Königsbronn > Ober- und Unterkochen > Aalen

Ja, die gestrige Fernsehsendung über Alexandra geht mir noch nach. Da ich vor einiger Zeit eine Biographie über sie gelesen habe, war mir ihre Lebensgeschichte nicht neu, aber eine Illustration durch Filmausschnitte und andere Zeitdokumente ist eben eindrücklicher als ein Buch. Zigeunerjunge, Zigeunerjunge, er spielte am Feuer Gitarre…irgendwie kommen mir Melodie und Text ganz automatisch in den Sinn und das wird mein heutiger Tageshit werden.

Wenigstens ein bisschen Mut muss ich mir an diesem Morgen schon machen, denn draussen sieht's alles andere als rosig aus: die Wolkendecke lässt sich mit Fug und Recht als geschlossen bezeichnen. Als Nieselregen würde man das definieren, was da im Moment von oben kommt. Über die Temperaturen schweige ich mich mal lieber aus.

Nicht wirklich glücklich über das Wetter mache ich mich auf den Weg nach Ulm, das erste Kapitel des heutigen Tages. Das bedeutet einen grossen Schluck Auenlandschaft und eine erträgliche Dosis Gewerbegebiet, des weiteren eine Blutauffrischung für die Donau. Die Donau wird nicht mit Eigenblut gedopt, sondern bekommt die Wasser der Iller zur weiteren Verwendung verabreicht. In Ulm sieht's düster aus. Keine Menschenseele an der Uferpassage mit der Stadtmauer und den Altstadtfassaden unterwegs. Höchstens der ein oder andere Radler, der mit dem typischen Tempo des Pendlers schleunigst ins Büro kommen will. Ich schleune eher nicht. Zigeunerjungen schleunen nicht! Was für Quatsch man so vor sich hindenkt. Am frühen Morgen und auch sonst. Kopfschüttelnd ziehe ich weiter. Ulm lässt sich prima durchradeln. Man kann immer am Donauufer bleiben und sich der Wege durch eine lang gestreckte Grünanlage oder Stadtpark bedienen. Bei erhöhtem Besichtigungsbedarf ist man auch gleich in der Altstadt. Dafür mag ich die nächsten Kilometer bis Unterelchingen nicht so gerne, denn hier geht's immer an der Ausfallstrasse entlang. Zwar gestaltet sich das problemlos und - bis auf den Strassenlärm - verkehrsfrei, aber aus irgendeinem Grund hege ich eine Abneigung gegen dieses Stück Weg. Immerhin finde ich hier, zusammen mit den Wegweisern des Donauradweges, eine dezente Beschilderung des Hohenlohe-Ostalb-Radweges, der mich heute und auch morgen noch bis Rothenburg ob der Tauber leiten soll. Es sind übrigens die einzigen Schilder dieser Fernradroute, die ich sehen werde.

Bei Unterelchingen kehre ich dem Donautal mit einem Linksschwenk nach Norden den Rücken zu. Ein asphaltierter Wirtschaftsweg führt mich nach Langenau, das sich als recht nettes Städtchen entpuppt. Ausserdem gibt's hier Wegweiser ins Tal der Lone und nach Heidenheim an der Brenz - und genau dort will ich hin. Ein sanfter Anstieg, den ich kaum merke und bald kann ich hinter Wettingen zurück und hinunter in die weite Ebene des Donautales blicken. Nach Setzingen führt ein Weg hinunter ins Tal der Lone. Das ist ein einsames Stück Land, zumindestens am heutigen Dienstag, und ich bin hier völlig allein unterwegs. Natürlich, damit das Idyll nicht zu ideal ist, hört man ganz leise von der Ferne die Autobahn. Ganze zwei Kilometer gönne ich mir dieses Tal, dann packe ich mich auf die Landstrasse, die besagtes Tal quert, und steige mit ihr hinauf bis Bissingen, folge dort den Wegweisern, bis ich nach einer Weile einen Ort namens Eselsburg erreiche und damit in eine weiteres Tal hinab rolle, nämlich in das Brenztal.

Hier, im dritten Flusstal des heutigen Tages, bekomme ich einen unerwarteten Szenenwechsel geboten: Wacholderheide und Jurafelsen. Genau so wie man es vom Altmühltal her kennt. Noch dazu eine kleine Asphaltstrasse auf dem Talgrund. Was macht es da, dass man mich im Ort Eselsburg einfach nicht grüssen will? Das Hausfrauentrio, das mitten auf der Strasse steht, die zwei Jogger und der Mann, der vor einem Gebäude mit irgendwas herum hantiert. Alle schauen mir ins Gesicht und direkt in die Augen, jedoch bequemt sich keiner dazu, meinen Gruss zu erwidern. Was sehen die in meinen Augen? Na gut. Ist deren Problem. Dafür bekomme ich hier im Brenztal einen landschaftlichen Leckerbissen serviert, der sogar den Nieselregen vergessen lässt. Kurz dauert dieses Vergnügen jedoch nur, denn nach ein/zwei Kilometern steht mit Herbrechtingen eine grössere Ortschaft auf dem Programm. Seit Eselsburg bin ich den Schildern der "Brenz-Tour" gefolgt, aber hier in Herbrechtingen verliere ich die Wegweiser aus den Augen und nehme stattdessen mit dem Radweg entlang der B19 vorlieb. Ich komme auch so bis Heidenheim an der Brenz. Das nenn ich Kontrastprogramm. Erst die Ruhe im Lone- und später im Brenztal und nun das hier…

Von Heidenheim bleibt auch nicht viel. Meine Beschilderung hab ich nun wieder, muss aber trotzdem im Süden der Stadt erstmal die Gewerbegebiete passieren und aufpassen, dass ich die Angestellten auf ihrem Weg in die Mittagspause nicht über den Haufen fahre, denn die unterscheiden natürlich nicht zwischen Gehweg und Radstreifen, so versunken in ihre Gespräche/Gedanken, wie die nun mal sind. Eine Fussgängerzone gibt's hier in Heidenheim, ein Schloss thront auf einem Felssporn, und als ich nordwärts aus der Stadt radle, fällt mein Blick auf ein paar recht schöne alte Villen. Ich bin trotzdem froh, dass ich ein paar Kilometer ausserhalb der Stadt, vielleicht bei Aufhausen oder so, wieder meine Ruhe habe. Man möchte's nicht glauben, wie viel Energie man im Stadtverkehr verpulvert, grad wenn man sich nicht auskennt und neben dem Autoverkehr auch noch den Weg finden muss. Also mir geht's jedenfalls so. Aber gut, so schlimm war das nun auch wieder nicht und ich bin ja jetzt wieder draussen in der - relativen - Pampa.

Ich nähere mich jetzt einer europäischen Wasserscheide, die die Wasser nach Süden der Donau und damit dem Schwarzen Meer zurechnet und ein paar Meter weiter alles nach Norden und damit dem Atlantik bzw. der Nordsee zuteilt. So in der Gegend zwischen Itzelberg und Oberkochen geschieht dieses Happening: die Brenz fliesst brav nach Süden, während der Kocher sich hurtig auf dem Weg zum Neckar und damit zum Rhein macht. Die Gegend ist schon auch eindrucksvoll hier. Grad mit der düsteren Wetterstimmung heute. Ich hab ein paar Bilder von Schottland oder Wales im Kopf. Gut, der Vergleich ist schon etwas weit hergeholt, das räume ich gerne ein. Trotzdem.

Das Ende einer sehr abwechslungsreichen Tagesetappe naht, als ich mich hinter Unterkochen langsam den Industriegebieten von Aalen nähere. Da das Kochertal hier recht eng ist, kommt man auch wieder mit den grossen Verkehrsachsen in Berührung. Doch das stört mich jetzt nicht mehr gross. Bin ja schon fast da. Und den Weg zum City Hotel Antik kenn ich eh fast auswendig. Ich mag diese Hazienda.

Entgegen aller wetterfröschlicher Unkenrufe ist es heute weitgehend trocken geblieben. Während rings um mich herum überall lang anhaltender Regen nieder ging, blieb der Nord-Osten Baden-Württembergs davon verschont. Und genau da war ich unterwegs. Tja…