Mittwoch, 22. August 2007. Von Aalen nach Rothenburg ob der Tauber (84 Km)


Aalen > Hüttlingen > Rainau > Ellwangen > Jagstzell > Crailsheim > Beuerlbach > Satteldorf > Bronnholzheim > Hengstfeld > Michelbach > Wettringen > Oestheim > Diebach > Bockenfeld > Gebsattel > Rothenburg ob der Tauber


Blauer Morgenhimmel! Wann hatte ich das letzte Mal das Vergnügen? Ist noch gar nicht so lange her, ich muss gar nicht so tun… Es waren ja lediglich zwei graue Tage, der gestrige und der vorgestrige. Es kommt einem halt immer wie eine Ewigkeit vor, wenn man mal zwei Tage ohne Sonnenschein unterwegs ist. Umgekehrt gewöhnt man sich wieder erstaunlich schnell an trockenes Wetter und nimmt es fast als normal oder selbstverständlich hin, dass die Sonne scheint. Die Marktleute in der Aalener Innenstadt freuen sich wohl ebenfalls über das schöne Wetter und sie scherzen miteinander, als ich, lange vor dem Ansturm der Marktbesucher, mein Rad zwischen den Verkaufsbuden hindurch bugsiere. Der Einstieg des Kocher-Jagst-Radweges beginnt direkt bei der Touristeninfo. Alles ist gut gekennzeichnet und so liegt die Stadt nach ein paar Minuten hinter mir.

Der Kocher fliesst durch Aalen, wogegen nichts einzuwenden ist. Ich muss allerdings zur Jagst, die, parallel zum Kocher, in einem anderen Tal fliesst. Ergo gilt es das Tal zu wechseln. Dieses Unterfangen nehme ich bei Hüttlingen in Angriff. Kaum hat man dort innerorts den Hügel erklommen, der beide Täler voneinander trennt, findet man vor Ort Wegweiser mit der Aufschrift "Verbindung Kocher-Jagst" vor und wird erstmal in den Wald geschickt. Aber nicht allzu lang, denn dann kommt man kurz vor dem Ort Buch wieder ins Freie. Was bei mir heute eine abrupten Wechsel von Waldschatten zu grellem Gegenlicht bedeutet. Da braucht's auf jeden Fall gleich mal die Sonnenbrille. Gleich anschliessend treffe ich - bei Rainau - auf einen Stausee, wo ich vor Jahren, genauer gesagt 2003 auf der Tour nach Würzburg, schon mal in die Irre, sprich: um den ganzen See herum gefahren bin. Da ich vorgewarnt bin, erwische ich gleich auf Anhieb die richtige Abzweigung. Zur nachträglichen Rechtfertigung meiner damaligen Irrfahrt sei noch angefügt, dass der Wegweiser hier etwas versteckt angebracht ist, an einer Stelle, an der man die Abzweigung des Radweges gar nicht sofort vermutet (Manchmal muss ich mich vor mir selber rechtfertigen…).

Jedenfalls treffe ich heute sofort ins Schwarze und lasse den Stausee Stausee sein. Mögen die paar frühen Sonnenanbeter, die jetzt schon den Parkplatz ansteuern, sich hier vergnügen und den Spätsommertag auf ihre Weise geniessen. Meine Wenigkeit freut sich auf den prallen Flussradweg, der jetzt gleich beginnt. Tendenziell bergab, immer schön asphaltiert, manchmal ein bisschen am Talrand klettern, so gestalten sich die nächsten Kilometer bis Ellwangen.

Hier darf man jetzt nicht mehr so ohne weiteres unbehelligt am Fluss bleiben, wie es damals der Fall war. Nein, man wird offiziell von der Route abgeholt und durch die historische Innenstadt geleitet. Über so was hab ich ja schon vorgestern geschrieben und ich nenne es ab jetzt das "Ehingen-Syndrom". Natürlich ist auch die historische Ellwanger Innenstadt hübsch. Und immerhin wird man nicht nur perfekt in die Altstadt hinein geführt, auch der Weg hinaus zum Jagstradweg ist leicht auffindbar.

Und wieder folgt eine schöne Passage Flussradweg. Bei Schweighausen kürze ich ein paar Kilometer auf der B 290 ab. Ich hab keine Lust, mich da jetzt im Zickzack und womöglich noch steigungsreich auf morastigen Wegen durch den Wald jagen zu lassen, so wie's die Kennzeichnung in meiner Landkarte vermuten lässt. Lieber akzeptiere ich den Verkehr auf der Bundesstrasse, die hier eh nicht so stark befahren ist. Bei Stimpfach treffe ich erneut auf die offizielle Route und alles ist wieder gut. Bis Crailsheim bleibe ich dem Jagstradweg treu und dann scheiden wir voneinander als Freunde. Ich denke, wir werden uns wieder sehen!

Von nun an geht's querbeet bis nach Rothenburg ob der Tauber. Die folgende Route bis Rothenburg hab ich mir bei www.radweit.de aus dem Web gesogen. Übrigens eine absolut empfehlenswerte Website!

Crailsheim. Hier habe ich schon mal übernachtet und ich mag mich noch an eine wunderbares Fruchteis auf der Terrasse des Hotels Post Faber erinnern. Gleichzeitig kommt mir aber auch wieder ins Gedächtnis, wie ich mein Rad damals über eine sehr engen Treppe in den Keller des Hotels gewuchtet habe. Heute radle ich weiter und peile den Ort Beuerlbach an. Dort angekommen wartet ein leicht welliges Land auf mich und eine kleine, allerliebste Landstrasse. Die Steigungen sind nie so stark, dass ich komplett aus dem Takt käme, die Abfahrten sind wunderbar sanft, so dass ich nicht bremsen muss, und auf den ebenen Streckenabschnitten schiebt mich ein mässiger Wind voran. So radle ich gut gelaunt und mit Schwung aus Baden-Württemberg heraus und nach Bayern hinein. Heimat, hier bin ich! Die Heimat jedoch reagiert nicht gross auf meine Ankunft, niemand rollt mir einen roten Teppich aus oder offeriert mir eine Mass Bier zur Begrüssung (Frankenwein wäre mir eh lieber…). Doch was könnte meine Laune heute schon trüben? Jetzt, wo ich anscheinend auf der Frankenhöhe angekommen bin - das suggerieren jedenfalls die Aufschriften auf Wirtshausschildern und Werbetafeln.

Und plötzlich bin ich an der Tauber. Bei Diebach stosse ich auf einen Weg entlang des noch jungen Flusses, der hier - ich meine den Weg und nicht den Fluss - sowohl als Kneipp-Radweg, als Radweg Romantische Strasse und als Tauber-Jagst-Radweg fungiert. Ich glaub sogar, dass der Burgenradweg ebenfalls hier entlang geht.

Ursprünglich wollte ich ja ausserhalb der Stadt logieren. Gestern überkam mich aber ein spontaner Sinneswandel und ich hab mir direkt innerhalb der Rothenburger Stadtmauern ein Zimmer reserviert. Um zwei Uhr nähere ich mich der Stadt, schlüpfe durch das Spitaltor in die Altstadt und balanciere die Speedmachine durch das Touristengewirr, um meine Unterkunft zu finden.

War eine gute Idee. Das mit der Übernachtung in der Innenstadt. Ich stadtbummle am Spätnachmittag, geniesse die Aussicht ins Taubertal und das Stadtpanorama, klappere Lieblingsplätze ab, die ich von früheren Reisen her kenne. Abends sitze ich noch lange am Rathausplatz, beobachte, wie die Bustouristen langsam zu Herden getrieben werden und dann langsam verschwinden. Mir fallen die vielen Italiener auf. San Gimignano! Genau! Jetzt weiss ich wieder, an was mich die Stadt hier vage erinnert. Vielleicht nicht grad San Gimingnano, aber viele Städtchen in der Toskana (oder zum Beispiel auch Ferrara) haben durch ihr mittelalterliches Stadtbild ein ähnliches Charisma.

Natürlich scheucht man hier auch eine erkleckliche Anzahl Japaner durch die Altstadtgassen. Was bin ich froh, dass ich nicht "Europe in 3 days" gebucht habe und mir fünf Tage Zeit für die Strecke von Zürich nach Rothenburg hab lassen können.