Donnerstag, 23. August 2007. Von Rothenburg ob der Tauber nach Höchstadt an der Aisch (92 Km)


Rothenburg ob der Tauber> Schweinsdorf > Urphershofen > Steinach > Burgbernheim > Bad Windsheim > Lenkersheim > Mailheim > Ipsheim > Neustadt a. d. Aisch > Dachsbach > Höchstadt an der Aisch

Ja gibt's denn so was? Gestern so ein wunderbar sonniger Spätsommertag und heute giesst es wie aus Eimern! Dabei dachte ich schon, ich wäre nun endlich über den Berg (wettermässig meine ich natürlich), zumal die Wetterprognosen für die nächsten Tage eindeutig positiv klangen. Beim Auschecken fragt mich die Dame an der Rezeption, ob ich nicht doch noch ein Weilchen warten will, es hört bestimmt gleich auf zu regnen. Das will ich ihr aber nicht recht glauben und/oder ich hab morgens grundsätzlich einfach nicht die Geduld, um stundenlang auf bessere Bedingungen zu warten. So ziehe ich also trotzdem los. Doch kaum bin ich, angetan mit vollem Ornat (bzw. Regenrüstung) ein paar Kilometer aus der Stadt hinaus geradelt, tut sich wirklich im Westen die Wolkendecke auf und man sieht ein blaues Band, das von Minute zu Minute breiter wird. Die Hotelfrau hatte wohl einen heissen Draht zu Petrus?

Vor mir liegen die bewaldeten Hügel der Frankenhöhe und langsam zieht die Regenzone vor mir nach Osten ab. Ich folge dem Aischtal-Radweg und kann es kaum erwarten, die Regenklamotten abzulegen. Meine Landkarte zeigt Steigungen mit zwei Steigungspfeilen und ich mache mich auf eine Kletterpartie gefasst, doch die Route wird in der Zwischenzeit, seit dem Erscheinungdatum meiner Landkarte, anscheinend ganz anders geführt. Die Hinweisschilder sind nagelneu, da hat man wohl an der Strecke gefeilt und sie optimiert. Es geht ein bisschen über die Dörfer und durch Wälder hindurch, an der Bahn entlang und zweimal über diese hinüber, und schon befindet man sich im weiten Tal der Aisch, das hier wohl "Windsheimer Bucht" genannt wird.

Inzwischen ist die Sonne, über der dunklen Wolkenfront, hervor gekommen und nun wird alles in ein dramatisches Licht getaucht. Die Erde dampft und die Feuchtigkeit verdunstet und es ist heiter geworden und die Temperaturen steigen fühlbar an. So soll es sein. Und kaum im ebenen Aischtal angekommen, kann man wieder mit minimaler Kraftanstrengung schnell vorankommen. Anfangs begleite ich die Bundesstrasse auf einem Radweg, der durch einen Grünstreifen abgetrennt ist, eine Weile später radle ich auf kleinen asphaltierten Wegen fernab des Autoverkehrs über Feld und Flur. Auf manchen Wegweisern ist die Entfernung bis Bamberg vermerkt und das ist gar nicht mal so weit weg. Da komme ich ja heute noch hin, hochjubelfrohlocke ich innerlich. Das momentane Wetter, die Routenführung, die Landschaft hier, und so weiter und so fort, das sind wirklich ideale Bedingungen. In Burgbernheim falle ich über einen Supermarkt her und fülle meine Satteltaschen mit Proviant.

Dann kommt Bad Windsheim. Erneut das Ehingen-Syndrom: die Schilder führen in die (historische) Innenstadt. Und plötzlich verliert sich alles im Nichts…denn am Marktplatz ist Wochenmarkt…keine Wegweiser in meine Richtung zu sehen…ringsum wird die Strasse aufgerissen…keine Wegweiser in meine Richtung zu sehen…ich fahre nochmals ums Carrée…keine Wegweiser in meine Richtung zu sehen…und bald sehe mich mit einer breiten Umgehungsstrasse konfrontiert und einen Lidschlag später lande ich am Ende eines morastigen Feldweges auf einem Acker, weil ich partout mit dem Kopf durch die Wand, sprich: wieder auf meinen Aischtal-Radweg will. Jetzt ist das Rad wenigstens wirklich von hinten bis vorne eingesaut! Nichts geht mehr, also zurückschieben bis zur grossen Strasse.

Schliesslich finde ich meinen Weg wieder, aber der schwungvolle Rhythmus von vorhin ist dahin und meine Euphorie hat einen Dämpfer erlitten. Da helfen auch die schön am Waldrand drapierten fränkischen Dörfer nicht. Und auch nicht der Blick über dieses weite Land hier. Bamberg heute noch? Das ist passé. Und das ist mir eigentlich sogar ganz recht, je länger ich darüber nachgrüble. Ich weiss eh noch nicht recht weiter. Morgen meine ich. Klar, Bamberg…und dann den Main aufwärts bis Bayreuth…das hatte ich zuerst angedacht. Aber auf Bayreuth verspüre ich eigentlich keine übertrieben grosse Lust. Vielleicht sollte ich lieber schnurstracks in die Fränkische Schweiz? Während der Fahrt lasse ich mir heute die verschiedenen Möglichkeiten durch den Kopf gehen und komme noch zu keinem rechten Ergebnis.

Wenigstens hab ich jetzt meinen Groove wieder gefunden. Mit Neustadt an der Aisch (Ehingen-Syndrom) kommt schon wieder eine Ortsdurchfahrt auf mich zu, aber diesmal funktioniert das Leitsystem problemlos. Nun bin ich im oder am Aischgrund. Auf der Landkarte hat man in dieser Gegend viele kleine Teiche eingezeichnet, aus Liegeradperspektive sehe ich jedoch nur wenige. Dafür viele Störche, zum Greifen nah, und einmal auf einer Wiese eine Gruppe weisser grosser Vögel. Was kann das sein? Schwäne sind's nicht, Störche auch nicht, aber generell scheinen es schon Stelzvögel zu sein. Doch wohl nicht Silberreiher? So weit im Norden? Naja, ich muss ja nicht jedes Rätsel lösen…

Allmählich werde ich müde. Passend zu dieser Befindlichkeit gibt's in Höchstadt an der Aisch ein Zimmer für mich. Abends, als ich nach dem Essen in einer Pizzeria noch durch das Städtchen streune, wird auf dem Marktplatz ein Festzelt aufgebaut und im Strassencafé auf der anderen Seite des Platzes ist jeder Platz mit Schaulustigen besetzt, denn eine Anzahl Freiwilliger aus dem Ort helfen dem Team der Zeltverleihfirma. Und die werden natürlich von ihren "Fans" angefeuert. Ich geselle mich auch mit zu den Neugierigen…bis ich mich dann bei Sonnenuntergang zu einem Rundgang an der Stadtmauer und ein paar Schritten hinaus ins Aischtal aufmache. Schön hier.