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Freitag, 24. August 2007. Von Höchstadt
an der Aisch nach Gössweinstein (67 Km) Man kann es drehen und wenden wie man will, ein kühles Radler schmeckt am besten in einem Biergarten, im Schatten prächtiger Linden, wenn man soeben gerade noch ein Hotelzimmer bekommen und vorher einen langen und anstrengenden Anstieg erklommen hat! Der Biergarten, eigentlich ist es die Gartenwirtschaft, die zu meinem Hotel gehört, befindet sich in Gössweinstein, mitten in der Fränkischen Schweiz. Und ich kann auf eine gelungene Tagestour zurückblicken: Es ist wirklich noch mal Sommer geworden. Die Temperaturkurve steigt schon in den Morgenkurven steil nach oben und ich kann mir in solchen Momenten gar nicht vorstellen, dass ich unlängst noch Handschuhe trug und eine warme Mütze mein Haupt zierte. Nun, für die nächsten Tage ist T-Shirt- und Sandalenwetter angesagt und die Sonnencrême kommt zu oberst in die Packtasche. Um viertel vor Acht verlasse ich Höchstadt auf der alten Steinbrücke, die ich gestern bei meinem Abendspaziergang schon entdeckt hatte. Sie wird von einem steinernen Nepomuk bewacht, dem heilig gesprochenen Priester/Märtyrer, der im böhmisch-bayerischen Grenzgebiet unter anderem auch als Patron gegen Wassergefahren gilt. Das Aischtal ist noch nicht zu Ende, es warten noch ein paar Kilometer auf mich. In der Ferne jedoch, weit voraus, wachsen Hügel empor. Ist das schon die Fränkische Schweiz? Angenehm leicht und noch etwas schläfrig gleite ich im Morgenlicht dahin und während ich in meine Gedankenwelt abdrifte, frage ich mich, warum die Landschaften in Nordbayern so eine emotionelle Sogwirkung auf mich haben. Warum sticht mir hier der Anblick der Weiden entlang der kleinen, mäandernden Flüsschen so ins Herz? Die bewaldeten Hügel, die Wiesen? Was ist hier anders, verglichen mit dem Zürcher Umland? Dort ist es ja auch noch nicht alpin, sondern leicht hügelig wie hier, die Unterschiede sind also nur marginal. Es scheint jedoch hier in Nord- und Nordostbayern - jedenfalls für mich - eine andere Grundschwingung über allem zu liegen. Ein Gefühl, das Smetana so wunderbar in seinem Moldau-Zyklus oder Milan Kundera in seinen Romanen ausdrücken konnte: Melancholie. Aber was ist Melancholie? Es ist weder Trauer noch Depression, obwohl Elemente der Trauer darin vorhanden sind. Und doch drückt es eigentlich etwas anderes aus. Wehmut? Sentimentalität? Irgendwas in dieser Richtung wird es wohl sein. Es hat mit dem Wissen um die Vergänglichkeit zu tun, auch mit dem Erkennen der Schönheit um uns herum. Oder auch nicht. Oder vielleicht doch. Oder vielleicht doch nicht. Ich komm nicht so recht vorwärts mit meinen Gedanken und wälze sie hin und her, kann gar nicht so recht ausdrücken, was ich empfinde. Plötzlich, als ich zufälligerweise meine Augen hinauf ins grenzenlose Blau richte, sehe ich die keilförmige Formation grosser Zugvögel weit über mir. Was sind das wohl? Gänse? Kraniche? Ich kann es nicht genau erkennen, denn die Vögel fliegen zu hoch. Dieses Schauspiel kenne ich nur aus Naturdokumentationen, in freier Wildbahn hab ich es bisher noch nie gesehen. Dass man gerade in solch einem Moment nach oben blickt. Was ist das? Zufall? Ein Omen? Etwa ein Zeichen? Soll auch ich mein Rad nach Süden lenken? Man sieht schon, heute bin ich eher in nachdenklicher Stimmung. Das ist das Gute an so einer Radreise: man kann stundenlang seinen Gedanken/Ideen/Flausen, gleich welcher Natur, nachhängen und dieses oder jenes so lange wiederkäuen, bis man es endgültig runtergeschluckt und verdaut hat. Bei Eggolsheim erwache ich wieder aus meinen Tagträumen, denn jetzt muss ich mir einen Weg zum Wiesenttal suchen. Zuerst setze ich über die Regnitz, beziehungsweise den Main-Donau-Kanal, und radle auf der anderen Flussseite nach Forchheim. Hier finde ich die ersten Schilder eines Radweges "Fränkische Schweiz", der eine Weile lang durch's Wiesenttal und dann weiter bis nach Bayreuth führt. Bis nach Bayreuth will ich zwar nicht, aber bis diese Route vom Wiesenttal abzweigt, benutze ich sie für meine Zwecke. Ausserdem komme ich mit dieser Ausschilderung prima durch Forchheim hindurch und befinde mich bald jenseits der Stadt. Ich bewege mich am südlichen Talrand flussaufwärts, leider auf einem teilweise recht ruppigen Feldweg, der in Kurven oder Senken erhöhter Aufmerksamkeit bedarf, denn dort sind Geröll, Steine oder Kies meist etwas lockerer und gröber. Das kleine 20er Vorderrad der Speedmachine reagiert bei solchem Untergrund etwas kritischer als ein 26er oder 28er Laufrad und so bin ich ziemlich konzentriert unterwegs. Mit der Zeit finde ich das recht ermüdend und wechsle deswegen bei Ebermannstadt auf einen Radweg, der die B470 begleitet. Das erweist sich als gute Entscheidung, denn hier lässt sich gut und bequem bis Muggendorf vorankommen. Das Tal ist auf den letzten Kilometern immer enger geworden, die Hügel rücken nahe zusammen, nun spitzen wieder Felsen durch den Mischwald. Es sieht aus wie im oberen Donautal oder im Tal des Doubs - so eine typische Juralandschaft eben. Bei Muggendorf folge ich einem Radweg Richtung Gössweinstein und lande prompt wieder auf diesem groben Waldweg neben dem Bahndamm, der Margrit und mich schon vor etlichen Jahren genervt hat, auf unserem ersten Abstecher hier in diese Gegend. Alternativ könnte ich direkt auf der Bundesstrasse fahren, doch das erscheint mir jetzt auch nicht gerade als das Gelbe vom Ei. Also doch lieber hier entlang. Gössweinstein liegt oben am Berg und es hilft nichts, irgendwie muss ich dort hinauf kommen. Ich entscheide mich für die Landstrasse. In der Wasserflasche befindet sich noch ein letzter Rest und zwei Bananen sind auch noch übrig und irgendwann hab ich's dann geschafft, finde in diesem Touristennest gerade noch ein Zimmer für mich - und mein Hotel verfügt sogar über den eingangs erwähnten schattigen Biergarten, in dem ich abends, nach meiner Besichtigungsrunde, noch lange sitze und schreibe und lese. Aha, das hier ist also ein Wallfahrtsort! Die imposante Barockkirche ist wohl zentrale Anlaufstelle, Souvenirläden und Gaststätten prägen das Stadtbild. Ausserdem ist da noch die Burg, die ich am Spätnachmittag besichtige. Ritterrüstungen, Waffen und dergleichen das alles reisst mich inzwischen nicht mehr so vom Hocker, aber die Aussicht über die Wälder und Täler beeindruckt mich schon. Gössweinstein ist für mich nicht so sehr
ein Ort der Ein-, sondern eher der Umkehr. Morgen werde ich das Rad wieder
gen Zürich lenken. Ich hab für die Rückreise noch ein paar
heisse Eisen im Feuer, und auf die freue ich mich jetzt. Mir ist zumute,
als ob ich auf der Reise bis hierher auch innerlich einen Berg erklommen
hätte, und jetzt darf ich mich auf die Abfahrt freuen. Irgendwie
war oder bin ich wohl auch auf einer Art Wallfahrt, das ist mir jedoch
erst heute im Laufe des Tages bewusst geworden. |
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