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Dienstag, 28. August 2008. Von Donauwörth
nach Gögglingen (99 Km) Heute bin ich ja so was von lustlos! Ich frag mich, wann ich das letzte Mal auf einer Radreise so dermassen demotiviert war! Schuld daran ist der doofe Wetterbericht, den ich kurz nach dem Wachwerden im Fernsehen erwische und der ein düsteres Bild zeichnet: die Schönwetterperiode neigt sich dem Ende zu und für Mittwoch und Donnerstag ist regnerisches Wetter vorausgesagt! Besonders in Alpennähe muss anscheinend mit lang anhaltendem Niederschlag gerechnet werden. Und dabei wollte ich doch gerade jetzt nach Süden und näher ans Gebirge heranrücken, dem Zusam-Radweg folgen und vom Allgäu aus irgendwie querbeet radelnd den Bodensee anpeilen. Und jetzt wird ausgerechnet dort in Gebirgsnähe das Zentrum der Schlechtwetterphase erwartet. Das passt ja wieder wie die Faust auf's Auge. Oder ist das die Revanche für das unverschämte Glück der letzten Woche, wo es ringsum in Strömen goss, ich selbst aber leidlich trocken blieb? Bin ich etwa gar abergläubisch? Da ich keine Antworten auf diese Fragen parat habe, aber just in diesem Augenblick eine spontane Idee von mir Besitz ergreift, nehme ich den Telefonhörer in die Hand und wähle die Nummer des Hotels in Gögglingen, in dem ich vergangenen Montag auf der Hinreise schon übernachtet hatte. Da gäbe es sogar noch ein Zimmer für mich. Na gut, ich buche das Zimmer und stelle damit die Weichen für die restliche Reise. Also kein Abstecher ins Allgäu, sondern nochmals eine Tagesetappe entlang der Donau. Morgen und übermorgen werde ich mir dann den Donau-Bodensee-Weg antun, der über Laupheim und Bad Waldsee und Kisslegg zum Schwäbischen Meer führt, in der Hoffnung, dass die Route weit genug im Westen und damit vom Wolkenstau der Alpen entfernt ist. Heute jedenfalls soll es noch trocken bleiben. Das immerhin. So sattle ich nach dem Frühstück missmutig mein Pony. Ich hatte schon bessere Laune. Ganz ehrlich. Dazu kommt noch, dass ich die heutige Etappe schlichtweg als langweilig in Erinnerung habe: zuerst durch das flache Ackerland westlich von Donauwörth kurven, gefolgt von den unangenehmen Stadtdurchfahrten von Dillingen, Lauingen und Konsorten, anschliessend noch den Auwald-Overkill so um Günzburg herum und gegen Schluss schon wieder diese Einfallschneise nach Ulm, die ich genau heute vor einer Woche in umgekehrter Richtung fuhr. Dazu kommt noch, dass ich mich auf der Rückreise befinde und deswegen am morgen eh nicht mehr so hundertprozentig in Aufbruchstimmung bin. Man kann es drehen und wenden wie man will: Rundreisen bergen eben ein "Motivationsrisiko" in sich! Sobald man den Zenit erreicht hat, den am weitesten vom Start entfernten Punkt, und daraufhin das Rad wieder in Richtung Heimat lenkt, fängt man viel schneller an, sich mit dem Ende der Reise zu beschäftigen, als wenn man sein eigentliches Reiseziel erst man Ende der Reise erreicht, so wie es zum Beispiel 2005 auf der Reise von Den Haag nach Berlin der Fall war. Also mir geht's jedenfalls so. Und wenn man sich auf einer Rundfahrt dann in der Rückreisephase befindet und sich zudem noch das Wetter verschlechtert, ist die Versuchung eines Reiseabbruches gross Aber soweit bin ich noch nicht. Der Gedanke, ich könnte die Reise jetzt schon beenden, kommt mir gar nicht in den Sinn. Ich hab nur keine rechte Lust heute und bin auch ein klein wenig enttäuscht. So sieht's aus. Es ist kühl. Handschuhwetter. Wieder mal die lange Hose anziehen und das wärmere meiner beiden mitgeschleppten Paar Schuhe. Doch der Himmel ist nur leicht bewölkt und die Sonne spendet ein milchiges Licht. Das wird wohl einer dieser eigentümlichen Spätsommertage werden, die mit dem typisch fahlblauen Himmel. Eigentlich genau die Atmosphäre, die ich so gerne mag. Da liegt so eine gewisse Stimmung in der Luft tja so eine Stimmung so ein Flirren da wäre ich am liebsten ein Vogel und würde mich in die Lüfte schwingen und nach Süden streben die kalte Jahreszeit könnte mir gestohlen bleiben die Steppen und Savannen des dunklen Kontinents schon vor dem inneren Auge wie die Zugvögel, die ich am Freitag auf dem Weg in die Fränkische Schweiz gesehen habe. Ob die Schwalben und Störche diese Sehnsucht auch bewusst spüren und dem Aufbruch entgegen fiebern? Als ich Donauwörth verlasse, noch aus den Augenwinkeln die durch die Tore der Firma Eurocopter drängenden Angestellten registriere, kehrt auf einmal die Freude zurück. Da bin ich nun im letzten Drittel dieser Reise angekommen, die bis jetzt einfach wunderbar war, und habe erneut einen Tag mit guten Wetterkonditionen vor mir was soll ich da jetzt gross Trübsal blasen und mir Gedanken über das Morgen machen? Besser im Hier und Jetzt leben und die Gegenwart geniessen! Ich weiss nicht, ob das die Endorphine sind, die mir nun einschiessen, oder der gesunde Menschenverstand, oder die Tatsache, dass ich im Grunde meines Herzens ein positiv denkender Mensch bin, auf jeden Fall komme ich wieder gut drauf. Plötzlich habe ich Spass daran, die brettl-ebene kleine Landstrasse entlang zu düsen, die auf den ersten Dutzend Kilometern auf mich wartet. Ohne mir gross Gedanken über die Strecke zu machen, lasse ich einfach die Zügel locker und gebe Gas, bremse zwar nach einigen Minuten meinen Vorwärtstrieb etwas, weil meine Energie für circa hundert Kilometer reichen muss, hab aber trotzdem Lust darauf, die Speedmachine flott über den Asphalt zu treiben. Als bei Höchstädt die erste dieser verkehrsreichen Ortsdurchfahrten auf mich wartet, bin ich schon wieder guter Dinge. Dann Dillingen. Dann Lauingen. Was soll man sagen? Sehenswerte Innenstädte und Marktplätze, aber überall rollt der Autoverkehr durch. In Dillingen setze ich mich in ein Strassencafé, doch der Verkehr, dessen Lärm durch das Kopfsteinpflaster noch verstärkt wird, ist einfach eine Zumutung. Gegen Fussgängerzonen wehren sich die Geschäftsleute, nehme ich mal an. Oder es fehlt an Umgehungsmöglichkeiten. Andererseits: was geht's mich an? Ich bin ein Durchreisender. Ich mache lieber, dass ich weiterkomme. Denn es wartet noch etwas auf mich. Nämlich eine interessante Begegnung: Als ich auf dem Dammweg entlang der Donau unterwegs bin, kommen mir zwei Radler auf einem Liegeradtandem entgegen. Der vordere Pilot ist unterwegs nach Südafrika und der hintere Platz seines Tandems ist vakant und soll unterwegs von Einheimischen besetzt werden. Wer mag, kann das im Web verfolgen. Zur Zeit begleitet ihn seine Freundin noch für ein paar Tage. Diese jungen Leute heutzutage! Als ich Mitte zwanzig war, wäre ich nie auf die Idee gekommen, so etwas zu unternehmen, geschweige denn, dass ich es mir zugetraut hätte! Da schwingt bei mir schon auch ein bisschen Neid und Bewunderung mit. Ob ich auch so eine Fernreise in Angriff nehmen könnte? Mal mehr als die üblichen zwei oder drei Wochen von zuhause weg? Ich weiss nicht. Immerhin wird mir bewusst, dass ich meinen Alltag eigentlich gerne mag. Aber mal einen ganzen Sommer in Frankreich zu radeln, dass fände ich schon wünschenswert. So eine Art persönliche Tour de France. Ob ich das mal in Angriff nehme, wenn ich pensioniert bin? Wenn Zeit keine Rolle mehr spielt? Oder wird sich mein Aktionsradius immer mehr einschränken, je älter ich werde? Wie wird mein physischer Zustand sein? Als ich vehement in ein Schlagloch rausche, die Federung bis zum Anschlag zusammenstaucht und es mir einen Schlag in den Rücken versetzt, wache ich wieder aus meinen Gedankenspielen auf. Vielleicht sollte ich mich doch wenigstens ab und zu mal auf den Weg konzentrieren und wieder von Autopilot auf manuell umschalten! Ich hab gar nicht gemerkt, dass ich die langweilige Passage durch den Auwald schon hinter mich gebracht habe. In der Ferne sieht man schon die Kirche von entweder Unter- oder Oberelchingen. Bald darauf bin ich in Ulm und kurz nach zwei schleppe ich mein Gepäck von der Hotelrezeption in mein Zimmer, ohne dass ich mich sonderlich angestrengt fühle (im Vergleich zur Etappe am Samstag). Morgen will ich also dem Donau-Bodensee-Radweg folgen, am Freitag eventuell in Rorschach im Parkhotel Waldau übernachten (ich denke, ich bin der absolut typische Stammgast: das Parkhotel Waldau in Rorschach und das Hirschen in Ramsen sind meine Lieblingshotels im Bodenseegebiet), und übermorgen vielleicht in Lindau. Mittlerweile - ich hab es dem Hotelier in Neumarkt abgeschwatzt - schleppe ich das Bett&Bike-Verzeichnis für Bayern mit mir herum. Als ich heute Nachmittag darin blättere, kommt mir die gar nicht mal so abwegige Idee, mir jetzt schon eine Unterkunft in Lindau für die Nacht von Donnerstag auf Freitag vorauszubuchen. Ich wähle nacheinander die in diesem Führer aufgelisteten Unterkunftsbetriebe, aber alle sind ausgebucht. In Friedrichshafen findet nämlich die Eurobike, eine Fahrradmesse, statt, und alle Hotels in der Umgebung sind dicht. Aber ein bisschen ausserhalb von Lindau, in oder bei Hergensweiler, hat man noch was für mich. OK, das ist gebongt Abends sitze ich noch lange im Biergarten gegenüber. Ein Paar aus Frankreich zieht ebenfalls mit den Rädern die Donau entlang. Die beiden schauen ganz konsterniert, weil man hier schon um fünf oder halb sechs zu Abend essen kann - so was ist Frankreich ganz und gar nicht Sitte. Zwischen Sträuchern und Bäumen hindurch fällt der Blick hinunter zum Fluss und hinüber auf die Wiesen und Felder am anderen Flussufer. Zwar zieht es sich langsam zu und es ist klar, dass das Wetter schlechter wird, aber heute kann man noch von der warmen und trockenen Witterung profitieren. Ich bin überhaupt froh, dass mir das auf dieser Reise so oft vergönnt war! Es ist schon ein Stück Urlaubs- bzw. Lebensqualität, wenn man sich nach der Tagesetappe noch im Freien aufhalten kann. Letztes Jahr war mir das ja nicht so vergönnt. Aber eben: diesmal bin ich ein Glückspilz! |
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