Mittwoch, 29. August 2008. Von Gögglingen nach Bad Waldsee (74 Km)


Gögglingen > Dellmensingen > Laupheim > Mietingen > Ochsenhausen > Rottum > Bellamont > Füramoos > Eberhardzell > Hetzisweiler > Englerts > Bad Waldsee

Jetzt ist es halt soweit. Der Himmel Wolken verhangen, die Strassen und Wege nass glänzend, die Temperaturen genau so, wie man sich's vorstellt. Also das reine Kontrastprogramm zu den letzten Tagen. Als ich vor dem Frühstück beim Packen noch den Fernseher laufen lasse (in der Hoffnung, die Wetterfrösche mögen sich mit ihrer Voraussage getäuscht haben), wird in irgendeiner Sendung der Song "In the Skies" von Peter Green als Soundtrack benutzt - aus dem gleichnamigen Album, das Ende der siebziger Jahren erschienen ist. Damals war der gute Peter wohl etwas…äh…neben den Schuhen und hatte nach seiner erfolgreichen Zeit, als Bluesgitarrist bei Fleetwood Mac in den sechziger Jahren, anscheinend erstmal genug von all dem Trubel und verschwand für eine Weile in der Versenkung. Er hat wohl sogar eine zeitlang als Totengräber gearbeitet, hab ich mal von irgendwoher aufgeschnappt. Jedenfalls kam er dann plötzlich mit diesem Album zurück, eine Kollektion von sonderbar mystischen Bluessongs, ein sehr interessantes Album, das von seiner zurückhaltenden Stimme und seinem exzellentem Gitarrenspiel geprägt ist. "In the Skies" bringt mich heute durch den Tag. Ich freu mich drauf, in ein paar Tagen selber wieder Gitarre spielen zu können.

There's a way to keep the dark from the light
And there's a way to take the cold out of the night
And when I see it's glow
The sun and moon are shadowed
By the everlasting day

Musik hin oder her, es gibt auch noch eine andere Realität, und die ist nasskalt und trüb. Immerhin regnet es nur leicht, als ich mich um acht Uhr erneut auf den Donauradweg packe, um dort noch ein paar Meter flussaufwärts zu radeln, bis ich auf die Schilder des Donau-Bodensee-Radweges treffe, die mich zuerst nach Dellmensingen führen.

Mein Vorrat an Lebensmitteln muss wieder aufgefüllt werden, denn der gestrige Etappenort hat diesbezüglich nichts hergegeben. Was machen eigentlich all die alten Leute in solchen Orten ohne Lebensmittelläden, die nicht (mehr) Auto fahren können? Leben die in totaler Abhängigkeit? Von einer guten Seele, die sie zum Einkaufen fährt oder ihnen was mitbringt? In Dellmensingen sehe ich kein Lebensmittelgeschäft, aber da muss ich mich sowieso darauf konzentrieren, den richtigen Weg zu finden, denn hier bin ich immer noch im Bereich der grossen Umgehungsstrassen Ulms. In Laupheim gibt's dann Proviant. Zwar radle ich blindes Huhn erstmal ergebnislos durch die Einkaufsstrasse, und sehe nur Bekleidungsgeschäfte und Mobiltelefonläden. Eine Passantenbefragung liefert aber dann das gewünschte Ergebnis. Bin halt noch nicht ganz wach. Die drei Mädels im Teenageralter, die ich um Auskunft bitte, zucken zuerst mit den Schultern und wissen nicht, was sie antworten sollen und beraten sich. Hier gäbe es keinen Supermarkt, nur so einen Reformladen mit Biozeugs. Die Worte "Reformladen" und "Biozeugs" kommen dabei so abwertend rüber, dass ich mir auf die Zunge beissen muss, um nicht lauthals zu lachen. So korpulent, wie das Trio da vor mir steht, haben sie bestimmt noch nie einen Bioladen von innen gesehen. Klar, sieht anders aus als bei McWürg und da verliert man schon mal die Orientierung…also besser keinen Fuss in dieses Feindesland setzen…
Mir kommt genau diese Einkaufsmöglichkeit jedoch gerade recht. Und kaum hab ich die paar Bananen und Energieriegel in der Packtasche verstaut, hört es plötzlich zu regnen auf. Also runter mit Gamaschen und Regenhose. Ich kann das Zeugs einfach nicht ausstehen.

Die Route führt nun im Tal der Rottum entlang. Meist kann ich ebenerdig und gemütlich vor mich hin radeln, Peter Green mir vergegenwärtigend ("Slabo Day" ist auch ein guter Song auf dieser Scheibe, fällt mir noch ein). Es ist absolut still zwischen den Ortschaften und ich bin völlig alleine mit mir. Die tief ziehenden Wolken arbeiten zusätzlich noch als Stimmungsverstärker. Obwohl das eher nach Nebel als nach Regenwolken aussieht. So geht das eigentlich recht problemlos bis Ochsenhausen dahin. Es nieselt ein bisschen, aber kein Grund, das Regenzeugs nochmals hervor zu holen. In Ochsenhausen rettet mich der Anstieg hinauf zur Klosteranlage vor allzu grosser Eintönigkeit und ein paar Minuten später leistet mir eine längere Steigung bis nach Hattenburg denselben Dienst.

Plötzlich bin ich oben an der Wolken- oder Nebeluntergrenze angekommen und nun wird's wieder ungemütlich nass. Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich hier auf der offiziell ausgeschilderten Route mit der Kirch' ums Dorf geschickt werde und greife ab dem Ort Rottum lieber mal wieder auf die Landstrasse zurück, die mich durch Bellamont und Füramoos bis nach Eberhardzell führt. Da gibt es einmal einen Wegweiser nach "Wolkenbirken" (die haben dort wohl öfter mal Nebel?) und ich radle an "Hornstolz" - aufgeteilt in "Ober"- und "Unterhornstolz" vorbei und denke mir meinen Teil.

Nach Eberhardzell überlasse ich mich wieder der Donau-Bodensee-Radweg-Beschilderung und komme zuerst auf kleinen Wirtschaftswegen, später dann auf einem Radweg neben der B30 nach Bad Waldsee. Auf der Zielgeraden fängt's dann gar kräftig zu prasseln an und im Nu bin ich durchnässt, weil ich keine Lust habe, mir auf diesen letzten paar Metern die Regensachen überzuziehen (die Regenjacke fungiert bei mir eh als Windjacke und die hab ich bei diesen Temperaturen sowieso an). Im Hotel kann das nasse Zeugs ja gleich abtrocknen.

So komme ich allmählich in die sehenswerte Bad Waldseer Innenstadt, gehe in das nächstbeste Hotel, das zudem ein Bett&Bike-Betrieb ist, wie ich an dem aussen angebrachten Logo lesen kann und freue mich auf eine warme und trockene Unterkunft. Leider ist das Hotel ausgebucht, wie übrigens auch ganz Bad Waldsee, denn in Friedrichshafen beginnt die Eurobike und das zieht seine Kreise bis hierher. Oh Schreck. In der ganzen Gegend hier übernachtungsmässig nichts mehr zu holen? Wie ich da so triefend vor Nässe vor der Rezeption herumstehe und die soeben erhaltene Hiobsbotschaft erstmal verarbeite, telefoniert der Herr hinterm Schalter mit der Touristen-Info und siehe da: ein einziges, ein allerletztes Zimmer ist heute in Bad Waldsee noch verfügbar - und zwar im Kurparkhotel.

So hab ich noch mal Glück gehabt. Übrigens auch mit dem Wetter! Der befürchtete Dauerregen ist ausgeblieben und mit Nieselregen und einzelnen Schauern lässt sich leben. Zudem hatte ich heute ausschliesslich Asphalt unter den Reifen, das Rad ist also nicht total zugeschmutzt worden. Schade, dass ich so wenig von der Landschaft gesehen habe, die Sicht war einfach zu schlecht.

Abends wird hier erst gegessen, wenn alle Hotelgäste zu Tisch sitzen. Offiziell ist das um 18 Uhr. Aber erst als wir wirklich alle versammelt sind, so um viertel vor sieben ist das, beginnt das Servieren des Abendmahles. Hab ich so auch noch nicht erlebt. Ich bin wohl zu selten Kurgast…