Im Schatten des Hauses, in der Sonne des Flussufers bei den Booten, im Schatten des Salwaldes, im Schatten des Feigenbaumes wuchs Siddharta auf, der schöne Sohn des Brahmanen, der junge Falke, zusammen mit Govinda, seinem Freunde, dem Brahmanensohn. Sonne bräunte seine lichten Schultern am Flussufer, beim Bade, bei den heiligen Waschungen, bei den heiligen Opfern. Schatten floss in seine schwarzen Augen im Mangohain, bei den Knabenspielen, beim Gesang der Mutter, bei den heiligen Opfern, bei den Lehren seines Vaters, des Gelehrten, beim Gespräch der Weisen. Lange schon nahm Siddharta am Gespräch der Weisen teil, übte sich mit Govinda im Redekampf, übte sich mit Govinda in der Kunst der Betrachtung, im Dienst der Versenkung. Schon verstand er, lautlos das Om zu sprechen, das Wort der Worte, es lautlos in sich hineinzusprechen mit dem Einhauch, es lautlos aus sich herauszusprechen mit dem Aushauch, mit gesammelter Seele, die Stirn umgeben vom Glanz des klar denkenden Geistes. Schon verstand er, im Inneren seines Wesens Atman zu wissen, unzerstörbar, eins mit dem Weltall.




Und schon fragt sich der geneigte Leser, was der erste Absatz aus "Siddharta" zu Beginn eines Reiseberichtes zu suchen, mit einer Radreise zu tun hat? Natürlich rein gar nichts. Oder doch zumindest soviel, als mir das schmale Bändchen auf den ersten Tagen dieser Reise Lektüre sein wird. Sind nicht Hermann Hesses Bücher zudem ebenfalls Reiseberichte? Auf eine gewisse Art und Weise? Andersherum: ist eine Radreise nicht auch eine innere Reise? Eine Entwicklungsgeschichte? Kommen wir nicht verändert ans Ziel? Kommen wir uns nicht auch selber näher, konfrontieren uns mit uns selbst? Mit Empfindungen und Gedanken, die im Alltag gar nicht so recht an die Oberfläche können oder wollen, von der täglichen Routine überlagert werden? Und was für sonderbare Gedanken das manchmal sein können…

So was zum Beispiel: wenn das Leben reich und vielfältig sein soll, dann darf das Pendel niemals nur in eine Richtung ausschlagen. Nur Sonnenschein bekommt uns auf Dauer genauso wenig wie ein Übermass an Dunkelheit. Auf lange Sicht ist es nur zufriedenstellend, wenn man beide Seiten der Medaille erfährt, wenn sich Gutes mit weniger Gutem abwechselt, wenn Licht und Schatten ausgewogen nebeneinander existieren. Ganz schön pseudo-philosophisch für einen banalen Reisebericht, gell? Dabei wollte ich mit diesen Ausführung einfach nur höchst raffiniert meine Einleitung vorbereiten…

Jedenfalls, was ich eigentlich damit zum Ausdruck bringen wollte: nachdem wir uns in den letzten Jahren bei so mancher Planungsodyssee gänzlich verirrten und am Ende ganz woanders landeten als ursprünglich vorgesehen, geht es diesmal so reibungslos wie noch nie. Alles entsteht praktisch aus dem Nichts heraus. Dabei sind wir gedanklich noch gar nicht soweit. Noch gar nicht auf unsere gemeinsame Sommerreise eingestellt. Trotzdem, an jenem Abend im Winter geschieht es einfach. Ich weiss noch, wie mein Blick beim mehr oder minder zufälligen Blättern in meinem Lieblingsbuch - dem Diercke Schulatlas - bei aufgeschlagener Deutschlandkarte auf den Plöner See fällt, dessen Umrisse doch irgendwie vage an Afrika erinnern. Meine Frau sitzt neben mir und es ergibt sich ein Gespräch über den schwarzen Kontinent. Margrit trägt da noch ein paar unerfüllte Reiseträume mit sich herum, die sie sich wahrscheinlich in mittelfristiger Zukunft erfüllen wird. Mich zieht es tendenziell ja eher nicht mehr so weit weg, und mit der inzwischen aufgeschlagenen Landkarte von Schleswig Holstein vor mir auf dem Tisch entsteht plötzlich so eine kleine Gedankenkette…der Plöner See…die Ostsee…die Lüneburger Heide…hm...man könnte Deutschland doch mal von Nord nach Süd durchqueren! Da Margrit spontan Interesse für solch eine Unternehmung zeigt, spinne ich den Faden noch ein bisschen weiter: man könnte mit dem Zug bis Flensburg fahren, zuerst die Zehen in die Ostsee strecken, dann die Nase in den Wind halten und die Stirn in die Sonne und sich nach Süden zu voran arbeiten. Und natürlich denke ich sofort an die Weser und die Fulda, beide Flusstäler befinden sich immer noch (oder schon wieder) auf meiner To-do-Liste. Das wäre eine ideale Nord-Süd-Verbindung! Doch etwas weiter östlich gäbe es eine nicht minder interessante Variante, nämlich das Tal der Leine und später dann das Tal der Werra. Das könnte man sich doch auch mal ansehen. Wie es jenseits des Werratalweges weitergehen könnte, falls noch Zeit bliebe, das steht noch in den Sternen, da würden wir uns dann spontan entscheiden…vielleicht irgendwie nach Würzburg und die romantische Strasse entlang, das wäre schon mal eine von mehreren Möglichkeiten.

Als leidenschaftlicher Bikeline-Radtourenbücher-Sammler wird mein Fundus umgehend durch die entsprechenden blauen Büchlein des Leine- und Werratal-Radweges erweitert und dann gilt es eigentlich nur noch die Fahrkarte für den Zug - wieder die CityNightLine - zu organisieren. Früh sind wir diesmal dran und alles klappt famos, kein Engpass bei der Reservierung, alles ist noch frei und zu haben. Ja so was aber auch!

Und weil jede Reise neben Altbewährten auch einige neue Ideen und Aspekte bringen soll, so schreibe ich diese Zeilen hier nicht mehr in eines meiner geliebten Moleskine Notizbücher, sondern tippe sie direkt in ein Laptop. Auf den letzten Reisen bin ich eh schon dazu übergegangen, eine kleine Umhängetasche mit Büchern, Karten und Zeichenutensilien quer über die beiden Packtaschen zu schnallen. Das war zwar eine praktische Lösung, zumal man diese Tasche auch noch mit einem Schulterriemen bequem tragen kann, wenn man mal zu Fuss unterwegs ist, bei Regen musste ich sie allerdings immer in Plastiktüten verpacken. Da ich mir durch die Reparatur meiner alten Ortliebs die Ausgabe für neue erspart hatte, blieb noch ein gewisses Budget für eine bessere Tasche übrig. Und was gibt's da? Die Ortlieb Office Bag natürlich. Und die kann auch Laptops transportieren…und so kommt man eben vom Hundertsten ins Tausendste. Zum Beispiel, dass in den letzten Jahren meine Reiseberichte immer umfangreicher geworden sind und das Abtippen der Aufzeichnungen aus dem Tagebuch nach dem Ende der Reise dementsprechend arbeitsaufwändig geworden ist. Warum also nicht gleich in das Laptop schreiben und das Mehrgewicht auf sich nehmen? Genau! Das denke ich mir auch! Das haben wir also auch geregelt. Beinahe wäre das alles jedoch kläglich gescheitert, denn erst kurz vor knapp ist mir noch aufgefallen, dass das Netzgerät des Laptops ja den Schweizer Dreifachnetzstecker hat, also mit den deutschen Steckdosen nicht kompatibel ist. Also hab ich mir in allerletzter Minute noch einen Adapter besorgt, sonst hätte ich das Laptop umsonst mitgeschleppt…

Ansonsten war mein augenblickliches Lieblingsreisepferdchen, die HP Velotechnik Speedmachine, beim Service und nun prangen eine neue Kette, neue Kettenschutzrohre und vor allen Dingen ein kleineres kleines Kettenblatt an dem Rad.

So, und die ersten beiden Übernachtungen sind nun auch schon organisiert. Was noch? Eigentlich nichts. Es kann losgehen.


Mittwoch, 30. April 2008. Zugfahrt von Zürich nach Flensburg.

Heute ist es ausnahmsweise mal Margrit, die nervös durch die Wohnung tigert und vorschlägt, viel zu früh die Zelte hier abzubrechen und zum Bahnhof zu rollen. Das ist ja mal was ganz Neues! Normalerweise bin ich doch der nervöse und unruhige Geist, der den Aufbruch nicht erwarten kann. Nun, sie hat eben heute schon ihren ersten Urlaubstag und ist im Laufe des Vormittages mit allen Vorbereitungen fertig geworden, während ich noch bis Mittag im Büro bin und deswegen gedanklich noch im beruflichen Alltag involviert bin. Später dann bin ich die Ruhe selbst, gönne mir sogar noch ein Bad in der Wanne, relaxe noch ein Weilchen auf dem Sofa und dergleichen mehr. So kenne ich mich ja gar nicht! Vor dem Abmarsch packt uns noch die Neugierde und wir wiegen unser Gepäck - ich schleppe diesmal 18 Kilo mit mir herum, Margrit immerhin auch noch satte 13. Bei mir schlagen nicht nur das Laptop und die Ortlieb Office Tasche zu Buche - es sind die vielen Landkarten und Reiseführer, die einen ziemlichen Anteil am Gewicht haben. Ganz abgesehen von der Lektüre. Margrit schleppt ein Taschenbuch mit über tausend Seiten mit sich herum. Irgendwie landet das Teil später wie automatisch in meinen Packtaschen…weiss auch nicht, wie das geschehen konnte…

Die Zugverbindung ist diesmal absolut problemlos: wir nehmen zuerst den Zug nach Basel (dummerweise wieder mit einem dieser älteren Waggons mit der schmalen Eingangstür - ausserdem kann man die Velos hier nur an Haken senkrecht von der Decke hängen, was mit der Speedmachine immer ein lästiges Gefummel gibt). Es wird ein bisschen hektisch, weil ich die Räder mitsamt den Packtaschen nicht durch die Tür bekomme und der Zug nur eine Minute lang hält. Also in Windeseile runter mit den Taschen und alles flugs in den Vorraum des Waggons befördert. Als wir drin sind, fällt einem Ehepaar in allerletzter Minute noch das Aussteigen ein, sie kommen jedoch nicht mehr rechtzeitig mit ihren dicken Koffern an (oder über) unseren gesammelten Gepäckstücken und Velos vorbei und der Zug rollt wieder an. Pech gehabt! Man kann sich das Aussteigen ja auch etwas früher überlegen…

Später dann noch ein bisschen Wartezeit in Basel und schon können wir uns in den Nachtzug nach Norden verfrachten. Und jetzt sitze ich am Fenster, draussen gleitet die Landschaft des Schwarzwaldes im Abendlicht vorbei, Margrit schenkt uns grad noch ein Glas Rotwein ein und ich tippe die ersten Zeilen dieser Reise in mein Laptop. Irgendwie schon ein elegante Art anzureisen, so mit einer Zweierkabine in der CityNightLine…