Dienstag, 6. Mai 2008. Von Wohlesbostel nach Hiddingen (68 km)

Wohlesbostel > Hollenstedt > Heidenau > Vaerloh > Königsmoor > Vahlde > Ostervesede > Westervesede > Brockel > Bellen > Visselhövede > Hiddingen

Heute wird es gleich von Beginn an ruhiger als gestern und wir können die viel befahrenen Verkehrsachsen grösstenteils links liegen lassen und auf kleinen Wegen das Land geniessen. Der Radfernweg Hamburg-Bremen dient uns auf den ersten Kilometern als Bezugspunkt. Wir tauchen ein in eine Moorlandschaft, Kiebitze begleiten uns, Rebhühner und Hasen suchen das Weite, als wir uns nähern, Rehe äsen am Waldesrand und ein Fasan beäugt uns misstrauisch.

Die Ortschaften verschwinden fast ganz unter riesigen Eichen, Kastanien oder Rotbuchen. Alles ist so dermassen grün, ich kann es gar nicht fassen. Dazu die kurz gemähten Rasenflächen und all das blühende Busch- und Strauchwerk. Das von der Vormittagssonne verursachte Spiel von Licht und Schatten setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Zu dieser Jahreszeit ist das frische Grün einfach eine Sensation. Ich weiss ja, dass man sich in ein paar Wochen wieder daran gewöhnt haben wird und es normal ist, einen belaubten Baum zu sehen. Doch im Moment ist es noch ungewohnt und neu, man hat halt noch die kahlen Äste und Zweige während der Wintermonate vor Augen.

Wir radeln durch das Ekelmoor und das Königsmoor, finden unseren Weg zwischen dem Steinkamps- und dem Lechhornsmoor und durchqueren das Grosse Lohmoor. Besonders bei letzterem kommt so ein bisschen Lüneburger Heide-Feeling auf. Mit der Zeit wird es allerdings schon auch ein wenig eintönig, all die kerzengeraden Strässlein. Man will das ja nicht zugeben, aber immer nur gradaus und flach dahin, na ja… Besonders nach Brockel, wo wir auf der Landstrasse gen Visselhövede radeln, sind wir recht gelangweilt und das gibt natürlich dann der Müdigkeit Vorschub, die jeden Tag so ab circa fünfzig gefahrenen Kilometern im Hintergrund lauert und nur darauf wartet, einen bei nächster Gelegenheit heimtückisch zu überfallen. Meist hat sie, also die Müdigkeit, auch noch ihren besten Kumpel, den Hungerast mit dabei…

In Visselhövede haben wir uns gestern schon ein Zimmer in einer Pension vorausgebucht, das heisst es klang sogar eher wie ein Privatzimmer. Doch je näher wir dem Ort kommen, desto mehr hört man Bemerkungen wie: "So winzige Pensionen mag ich generell eigentlich gar nicht so gerne, die sind mir manchmal einfach zu familiär!" oder "wenn ich müde bin, mag ich es lieber etwas anonym und will keinen Smalltalk führen müssen" oder "kannst dich noch an das wunderbare Hotel in Goslar erinnern?" und so weiter und so fort. Und plötzlich sind wir uns einig, dass wir kein familienangeschlossenes, wenn auch noch so günstiges Pensionszimmer nehmen wollen, sondern, falls das Schicksal es gut mit uns meint, ein richtiges ausgewachsenes Hotel mit allen Schikanen. Mal sehen, was Visselhövede diesbezüglich zu bieten hat.

Eigentlich relativ wenig, stellen wir beim ersten Durchlauf fest. Heftig drückt der Schwerverkehr durch die Innenstadt (die soweit ganz nett aussieht) und man fühlt mit den Anwohnern, die mit dieser Belastung leben müssen. Just an dieser Durchgangsstrasse sehen wir jedoch ein einladend wirkendes Restaurant mit dem Betten-Emblem am Schild. Auf meine Anfrage stellt sich heraus, dass im Restaurant selber keine Zimmer zu haben sind, sondern dass es zu einem Landgasthof vier Kilometer ausserhalb der Stadt gehört. Die Aussicht auf die Zusatzstrecke begeistert uns aber erstmal überhaupt nicht. Die Bedienung ist sehr kooperativ weist uns noch auf eine anderes Hotel hin, nur ein paar hundert Meter entfernt, Typ modernes Tagungshotel. Das wäre tendenziell schon fast das, was wir uns für heute vorstellen, aber dort ist man ausgebucht. Was nu? Also vier Kilometer liegen bei genauerer Betrachtung eigentlich noch drin und so gehen wir nochmals in das Restaurant von vorhin, lassen uns ein Zimmer reservieren und radeln zu besagtem Landgasthof, dem Hotel Röhrs.

Und da sind wir dann aber schon erstmal platt! Wir haben eine ganze Suite im neuen Gästehaus für uns, mit Vorraum, geräumigem Bad und eigentlichem Schlafzimmer, mit Terrasse und Garten. Als wir die Unterkunft beziehen, die Taschen abstellen und erstmal ein kühles Alsterwasser trinken, kommt uns plötzlich in den Sinn, dass wir vor lauter Müdigkeit beziehungsweise Aufregung nicht nach dem Zimmerpreis gefragt haben. Uns schwant auf einmal was, und angesichts der Ausstattung hier können wir gar nicht glauben, was auf der Preisliste neben der Eingangstüre geschrieben steht: 82 Euro für das Doppelzimmer mit Frühstück. Nein! Jetzt aber! Ist schon wieder Weihnachten, oder was?

Es ist noch so früh am Tag, dass die Zimmerwirtin in der Pension nicht sauer ist, als wir per Telefon das ursprünglich gebuchte Zimmer stornieren. Da kommt dann auch kein schlechtes Gewissen auf und das Alsterwasser schmeckt gleich noch einmal so gut!