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Samstag,
23. August 2008
Von Fritzlar nach Bad Hersfeld (84 Km)
Als ich heute so um die Mittagszeit herum mit einem Totpunkt kämpfe,
fantasiere ich mir ein Hotelzimmer mit grossem hellem Bad samt Badewanne
zusammen. Dieses Bild geistert mir dann für den Rest der Etappe im
Kopf herum und hält mich auf Trab. Doch wenn ich ehrlich bin, genügen
mir heute schon ein Bett und ein Fernsehgerät, denn so wie es aussieht,
werde ich heute Abend erhöhten Berieselungsbedarf haben. Dass mir die
Götter aber dann so wohl gesonnen sind und mir sogar ein Hotel mit
Schwimmbad im Basement zur Verfügung stellen, das erstaunt mich dann
doch und das übersteigt sogar meine kühnsten Erwartungen. Doch
genau so verhält es sich heute. Auch heute fängt es nachmittags
zu regnen an - und auch heute komme ich gerade noch trockenen Fusses bzw.
Reifens im Hotel an. Während sich draussen die Elemente austoben, plansche
ich geniesserisch in den Fluten.
Heute fiel
es nicht leicht, den Wetterbericht zu interpretieren. Regen im Norden
Deutschlands und gutes Wetter im Süden. Aber was ist mit der Mitte?
Am Morgen ist es jedenfalls kaum bewölkt, doch das wird sich wohl
bald ändern, wenn die Sonne das gestrige Nass aufzulecken beginnt.
Also gut, jetzt erstmal wieder die Giessener Strasse hinab, da können
sich die neuen Bremsbeläge gleich an ihren Job gewöhnen. Es
ist kühl, Handschuhe und Mütze kommen zum Einsatz, doch die
Luft ist so schön klar und die Tau- oder Regentropfen glitzern im
Gegenlicht. Bis Wabern läuft es sehr gut, aber im Anschluss daran
ziehe ich über Naturwege, die sich nach dem gestrigen Regen eher
weniger gut fahren. Etwas später taucht die komische Burg von Felsberg
auf und bei Böddiger läuft ein Hund knurrend auf mich zu und
tut alles mögliche, nur eben dem Frauchen nicht aufs Wort gehorchen.
Diese ist beschämt und ich bin sehr höflich, obwohl ich anhalten
und vom Rad aufstehen muss, damit der Hund mich als Vertreter der menschlichen
Rasse erkennt (und trotzdem unbeirrt weiter knurrt
). Kaum fünf
Minuten später dasselbe in Grün. Nur diesmal die Variante mit
unfreundlicher Hundehalterin. Ich bitte sie, den Hund zu rufen und wenigstens
solange zu halten, bis ich vorbei gerollt bin. Das tut sie dann zwar,
aber zähneknirschend und mit unfreundlichem Gesichtsausdruck. Was
kann ich denn dafür?
Nachdem mich
diese kleinen Begebenheiten erfolgreich am Einschlafen gehindert haben,
darf ich nochmals über ziemlich aufgeweichte Naturwege balancieren.
Bei der Brücke vor Neuenbrunslar sehe ich dann einen Wegweiser in
das 10 Kilometer entfernte Melsungen. Die Stadt liegt schon im Fuldatal.
Da will ich also eh hin. Und bevor ich da weiter auf diesen Wegen hier
entlang schlittere, nehme ich lieber die Strasse über die Hügelkette,
die Eder- und Fuldatal voneinander trennen. Soviel Höhenmeter werden
das schon nicht sein und schliesslich bin ich ja ein richtiger Klettermaxe
geworden
Und wirklich:
es geht nur mässig bergauf, dafür aber dann steil hinunter ins
Fuldatal nach Melsungen. Dort, auf dem Melsunger Marktplatz, begrüsst
mich ein Blasorchester mit der Melodie aus der "Sendung mit der Maus",
dem Pipi Langstrumpf-Song und ähnlichen Weisen. Da kann man sich
ja auch getrost mal in ein Strassencafé setzen und ein Päuschen
einlegen.
Es ist immer
noch trocken, aber ziemlich veränderlich. Im Fernsehen tun sie ja
immer so, als ob das eine Tragödie wäre, aber für mich
ist das oft das ideale Fahrradwetter. Vielleicht noch ein paar Celsiusgrade
wärmer, das wär's dann! Ausserdem hab ich heute sagenhaften
Rückenwind! Seiten- oder Gegenwind natürlich, wenn der Fluss
eine Schleife macht.
Zwischen
Melsungen und Morschen wird der Fuldaradweg teilweise auf einer Landstrasse
geführt. Diese klettert am Talrand ein paar Mal in die Höhe.
Sie sind nicht lang, auch nicht sonderlich steil, doch diese paar Anstiege
brechen mir heute das Kreuz - meine Muskeln sind leer. Das ist natürlich
nicht wirklich lustig. Ich schalte einen Gang zurück und schleiche
mich an Rotenburg an der Fulda heran und halte Zwiesprache mit mir selber.
Interne Lagebesprechung sozusagen. Es ist 12:45 und der Tacho zeigt gerade
mal um die 60 Km. Nein, heute will ich trotzdem noch nicht Schluss machen
und dope mich mit zwei Energieriegeln und einer Banane zurecht. Bad Hersfeld
liegt nur 23 Km weit dort vorne und das hab ich dann doch noch in den
Beinen. Allerdings wird es gegen Ende noch ein Wettlauf mit der Zeit bzw.
mit den Gewitterwolken - denn hinter mir braut sich was zusammen und das
will ich lieber nicht abbekommen. Und wirklich komme ich noch trockenen
Fusses an.
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