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Freitag,
1. Mai. Von Zürich nach Ramsen (73 Km) Gar so gerne bin ich jetzt wirklich nicht aufgebrochen, das muss ich schon zugeben. Gestern ging mir der Abschied von meinen Arbeitskollegen dann doch recht nah. Ich hab dort einfach gerne gearbeitet und die Leute in meinem Team sind mir ans Herz gewachsen. Wohl auch deswegen mache ich mich heute schon recht früh aus dem Staub, vor allem auch um die Abschiedsszene mit Margrit möglichst abzukürzen. Irgendwann muss mal wieder Schluss sein mit all den Abschieden und ihren emotionellen Begleiterscheinungen. Mir kommt gerade noch in den Sinn, dass diese Reise hier schon wieder so eine komische Zäsur darstellt, wie auch jene nach meinem Jobverlust 2006 oder nach dem Tod meines Vaters 2007 und ein paar Mal davor auch schon. Reisen, bei denen hinterher der Alltag in seinen geregelten Bahnen weiter geht, sind mir dann schon lieber. Aber eben, das Leben geht seine eigenen Wege und man muss es nehmen, wie's kommt. Item. So rolle ich um halb acht hinunter zum Bahnhof Oerlikon. Auf der anderen Seite des Bahnhofes sind in den letzten Jahren viele Bürogebäude und auch neue Wohnsiedlungen entstanden, es ist ein neues, modernes Stadtviertel aus dem Boden gestampft worden. Ein ebenfalls erst kürzlich asphaltiertes Strässchen führt von der Bahnhofsgegend an Schrebergärten entlang bis fast hin zum Flüsschen Glatt. Das Glas der Strassenlaternen, die diese Strasse säumen, ist heute Nacht den Rabauken zum Opfer gefallen. Rings um jeder Laterne liegen Glasscherben am Boden und da ist man als Radfahrer sofort hellwach. Denn gleich am Anfang schon Reifen flicken, das geht ja wirklich nicht an. Aber stimmt, heute Nacht war ja Freinacht - Walpurgisnacht, wie es bei uns in Bayern hiess. In meiner Jugend waren die Streiche noch vergleichsweise harmlos und eine eher "sportliche" Angelegenheit, bei der man alles zusammentrug und mitten auf dem Marktplatz aufstapelte, was nicht niet- und nagelfest war. Gartentore und Wäschespinnen, Stühle und Tische und Gartengerät. Das alles konnten sich die Besitzer dann am nächsten Tag wieder abholen. Wenn ich mich recht entsinne, so ging damals kaum mal was zu Bruch, noch wurde etwas mutwillig zerstört. Heute ist das halt anders. Da steht die Zerstörungswut im Vordergrund und nicht mehr der kecke Streich. Ein erneutes Beispiel für dummen und ignoranten Vandalismus sehe ich ein paar Minuten später. Hier hatten Unbekannte vor ein paar Tagen eine historische Holzbrücke angezündet, die 200 Jahre auf dem Buckel hatte und früher eine wichtige Rolle für den Verkehr im Zürcher Norden spielte und in jenen Zeiten die einzige Möglichkeit war, die Glatt zu queren. Jetzt ist sie ein Raub der Flammen geworden. So was tut schon weh. Dementsprechend hängen am Absperrgitter Zettel mit Texten von Anwohnern, die ihr Bedauern und ihre Wut darüber zum Ausdruck bringen. Besser weiter. Was ich auf dieser Reise nicht will: ich möchte mir nicht dauernd Gedanken darüber machen müssen, was Dummheit, Gedankenlosigkeit und Machtgier einiger weniger dem Wohlergehen oder den Interessen der Mehrheit antun können. Das hatte ich in der letzten Zeit genug und hab es mittlerweile über. Lieber mal die Nase in den Wind halten und frisch drauf los fahren. Mein weher Fuss macht einstweilen keine Probleme, hoffentlich bleibt es so. Es ist kühl, aber wolkenlos und die Sonne gibt ihr Bestes. Ich bin alleine unterwegs und sogar die Hündeler scheinen am 1. Mai ausschlafen zu wollen. Als ich irgendwo mal kurz eine Stoffwechsel bedingte Pause mache, kommt mir grad in den Sinn, dass ich heute wohl auch ein sonderbares Gesamtkunstwerk abgebe, einen schwarz-weiss-orangen Dreiklang: meine orange Regenjacke, das orange Trike, die schwarzen Teile am Rad und meine schwarze Hose und dazu das Weiss der Radtaschen. Hach, so ein bisserl der eigenen Eitelkeit zu frönen vertreibt erstmal die dunklen Gedankenwolken am Himmel Diesmal hab ich also endlich mal genügend Zeit für mich und muss nicht darauf achten, am Ende der Reise an einem bestimmten Ort zu sein. Die vier Wochen werden für einen Rundkurs mehr als ausreichen, wahrscheinlich werde ich sie eh nicht ganz ausnutzen. Also will ich es mit der Ruhe nehmen und lasse es sogar auf dem eigentlich schnellen Weg entlang der Glatt langsam angehen, tue mich auch auf der kurzen Passage am Rhein nicht gross hervor, schnaufe gemächlich die steile Strasse in Eglisau empor - hier komme ich trotz des zusätzlichen Gewichts der Packtaschen den Berg hinauf - und bin schon bald in Rafz und damit auf derselben Strecke, die ich zu Ostern schon mit Margrit entlang geradelt bin. Inzwischen sind eine Menge Radfahrer unterwegs, die den heutigen Feiertag und das Wetter ausnutzen. Auffallend ist die mittlerweile recht grosse Anzahl an Elektro-Bikes unter all den Pedalierenden. Das Konzept hat sich wohl zum Verkaufsschlager entwickelt. Später darf ich "Held der Landstrasse" spielen und einem Radler mit plattem Reifen, aber unvollständiger Ausrüstung, mein Flickzeug leihen. Als ich Apfel essend auf die Rückgabe meiner Sachen warte, kommt eine Gruppe Radfahrer auf nagelneuen (oder zumindest frisch geputzten und neu glänzenden) Liegerädern des Weges. Alle Räder sind vom holländischen Hersteller M5 und ihrer Antwort auf meinen Gruss nach zu schliessen scheinen die Fahrer auch von dort zu stammen. Ob die wohl mit ihren Rädern den Rhein hinab brettern? Jedenfalls haben sie es eilig und eine rechten Zahn drauf. Am frühen
Nachmittag erreiche ich dann mein erstes Etappenziel und checke im Hotel
Hirschen in Ramsen ein, beziehe mein "übliches" ruhiges
Zimmer und fange langsam an, so etwas wie ein Urlaubsgefühl oder
Reiselaune, oder wie immer man das nennen mag, aufzubauen. |
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