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Dienstag, 19. Mai. Von Heimhausen nach Bad Wimpfen (82 Km)

Déja vu…déja vu…déja vu…ich sitze wieder auf der Terrasse dieses griechischen Restaurants in Bad Wimpfen und blicke hinab ins Neckartal, so wie ich es letzten Sommer schon getan hatte. Das Wetter ist genauso ideal wie damals und der Retsina schmeckt nicht minder gut. Es ist ein strahlend schöner Frühlingstag, dekorative Cumuluswolken verteilen sich am Himmel und das Tal liegt im Licht der Spätnachmittagssonne unter mir ausgebreitet. Der ein oder andere Lastkahn zieht vorbei und erneut tummeln sich Milane im Hangaufwind unter mir.

Der ganze heutige Tag war von diesem herrlichen Wetter geprägt, T-Shirt Wetter schon ab neun Uhr. Den Charakter des Jagsttalradweges kenne ich inzwischen recht gut - ebene Streckenabschnitte wechseln sich ab mit kurzen Steigungen am Talrand, meist im Wald oder in den Ortschaften. Denn das Tal ist stellenweise relativ eng und man versucht eben, die viel befahrene Landstrasse auf der anderen Talseite zu vermeiden, wie es bei vielen Flusstalradwegen Usus ist. Der Jagsttalradweg gehört ebenfalls zu meinen Favoriten. Die ganze Zeit über versuche ich mich daran zu erinnern, ob ich ihn eigentlich schon mal in seiner gesamten Länge befahren habe, doch leider schweifen meine Gedanken die ganze Zeit unkontrolliert zu einer volkstümlichen Weise ab: "Kornblumenblau sind deine Augen, kornblumenblau, das bin auch ich…". Und das nur, weil neben den roten Farbtupfern des Klatschmohns ab und an auch das Blau einer Kornblume am Rande eines Getreidefeldes sichtbar ist. Viele Maikäfer sieht man fliegen. Hab ich auch schon lange nicht mehr gesehen. Ausserdem bin ich erstaunt über die Geschwindigkeit, mit der Schmetterlinge unterwegs sind: hin und wieder begleitet mich ein Distelfalter für ein paar Meter und die können bei einem Tempo von 20 - 23 Km/H noch locker mithalten. Was gibt es heute sonst noch? Eine mit Pferdeäpfeln übersäte Wegstrecke, die aussieht, als ob ich durch ein Pferdeäpfelfeld radelte, eine tote Plastiktüte und erneut ein kapitaler Feldhase am Wegesrand. Selbstredend natürlich die übliche ornithologische Ausbeute.

Im Kloster Schönthal labe ich mich an Kaffee und Kuchen und beobachte eine Radfahrergruppe, wohl um die 20-25 Leute. Die sind, einmal ausgeschwirrt, auch nicht gerade einfach wieder zusammen zu treiben. Als Individualreisender hat man's bisweilen ebenfalls nicht leicht. Man muss ja seine inneren Stimmen miteinander in Einklang bringen, und da kann die eine schon mal "hü" und die andere "hott" sagen. Im Moment spüre ich jedoch in mir und mit mir keinen Interessenskonflikt. Alles drängt auf Aufbruch und alle Stimmen sind sich darüber einig, dass man sich drin in der Bäckerei noch ein/zwei belegte Brötchen einpacken lassen sollte, damit dem heimtückischen Hungerast diesmal nicht schon wieder Tür und Tor geöffnet werden.

Möckmühl liegt noch auf dem Weg. Vorbildlich lenkt man den Radler in die Innenstadt und auch wieder aus dieser heraus. Das Tal wird nun etwas weiter und der Radweg bleibt steigungsfrei, von zwei kurzen Passagen beim Schloss Assumstadt und dem Neudenauer Schwimmbad mal abgesehen. Und irgendwann taucht das Stadtbild Bad Wimpfens mit dem Blauen Turm und der Kaiserpfalz am Horizont auf und ich keuche die steile Strasse zur Altstadt hinauf, wo ich wieder im Gasthof zur Traube unterkomme.

Und irgendwann...ja…und irgendwann und irgendwie neigt sich jede Reise einmal ihrem Ende zu. Mein Aufnahmevermögen ist langsam erschöpft und ich werde allmählich besichtigungsmüde. Ich fühle mich wohl, es geht mir gut, ich bin fit und setze mich morgens immer noch gerne auf's Rad. Ich hab mich sowohl mental als auch körperlich erholt und bin rundum satt und zufrieden mit allem. Alles ist rund und stimmig und ich spüre, dass es nun an der Zeit ist, mich um meine Belange zuhause zu kümmern. Am Samstag möchte ich wieder in Ramsen sein. Margrit wird mir entgegen kommen und wir werden ein bisschen Wiedersehen feiern und am Sonntag dann von Ramsen bis nach Zürich radeln. Auf meinem Weg nach Süden werde ich diesmal jedoch nicht den Neckar entlang durch Stuttgart fahren (das hat mich letzten Sommer so genervt), sondern werde das Enztal bis nach Pforzheim radeln und von dort die Stadt Horb am Neckar ansteuern.