[ zurück zu den Reiseberichten ¦ zurück zur Startseite ¦ weiterlesen ]
Samstag, 14. August 2010.
Von München nach Wolfratshausen (36 Km)

 
 
 
 
 
 
 

Der Blaue Schwede. Der Blaue Schwede ist mitnichten ein alkoholisierter Skandinavier, sondern eine alte, traditionelle Schweizer Kartoffelsorte, die ein blau-violettes Inneres aufweist (schmecken tut er nach Kartoffel, der Blaue Schwede, aussehen tut er halt irgendwie wie mit Lebensmittelfarben gefärbt: ungesund und künstlich). Dieses lernen wir am Abend vor der Abreise, an dem wir uns - zur Feier eines beziehungsinternen Jubiläums - in ein feines Zürcher Restaurant begeben. Das mag angesichts der frühen Abreise(und Aufsteh-)zeit am nächsten Tag noch angehen, der anschliessende Besuch in einer Pianobar, bei der wir irgendwie die Zeit vergessen, kann allerdings nur als schwer fahrlässig angesehen werden. Dementsprechend verschlafen schauen wir dann auch aus der Wäsche, als uns der Wecker am Morgen aus dem Schlaf reisst - um 7:16 fährt der Zug. Und man muss schliesslich noch zum Bahnhof radeln und vorher Zähne putzen und Katzenwäsche machen und dieses und jenes erledigen, man kennt das ja.

Doch um die Mittagszeit herum liegt das alles hinter uns und wir schieben die Räder aus dem Münchner Hauptbahnhof und schlängeln uns durch den Stadtverkehr bis zur Isar, wo ich erst mal tief durchatme und an die sechzehn Jahre zurück denke, die ich in München gelebt habe. Wehmut, Bedauern oder dergleichen will sich nicht einstellen, eher das Gefühl, dass es ein guter Lebensabschnitt für mich war. Aber dann hat es mich eben nach Zürich verschlagen - so geht's manchmal eben. Und so rollen wir denn auf dem Isarradweg gen Süden, halten am Flaucher und am Tierpark Hellabrunn zwar an, aber uns nicht lange auf, und bald schon liegt die Stadt hinter uns.

Nach ein paar Kilometern wird der Isarradweg für kurze Zeit zur Mountainbikestrecke, es wollen da, um Grünwald herum, ein paar Wellen erklommen werden. Die Mountainbiker freut es (oder ärgert es, weil sie nicht alleine auf weiter Flur sind und wegen uns Schnecken bremsen müssen), wir dagegen werden mit den ersten Höhenmetern dieser Reise konfrontiert. Ein paar hundert Meter vor dem Grünwalder Schloss, als sich der Isarradweg bis zum Hochplateau hinauf windet, geht gar nix mehr. Da ist es einfach zu steil und der Weg besteht aus grobem Schotter, da steigt man besser ab und schiebt.

Durch Grünwald hindurch und weiter, kerzengerade durch den Forst. Das ist etwas langweilig, doch später leitet uns der Weg wieder hinunter ins Flusstal und nun geht es mehr oder minder am Wasser entlang, flott und eben dahin. Es ist nicht die Isar selber, der wir hier folgen, sondern der Isarkanal. Bald das für die Jahreszeit typische Bild: Die Flösse mit Bierseeligen Ausflüglern, blau-weissem Toilettenhäuschen und Musikanten in Uniform. Damit meine ich natürlich Trachtenanzug. Lederhose, Haferlschuh, Gamsbart am Hut, halt die übliche Montur. "Highway to hell" klingt übrigens gar nicht mal so deplaziert, wenn von einer Blaskapelle vorgetragen. Man möcht's nicht glauben.

Ich hab's ja eher nicht so mit dieser Art Freizeitvergnügen. Wenn schon draussen in der Natur, dann doch lieber ruhig, um auf die äusseren und inneren Stimmen hören zu können. Die innere Stimme singt ein Lied, das wunderbar zur Landschaft passt, nämlich das "Isarflimmern" von Willy Michl:

Aus dem Karwendelgebirg, springt a gloana Bach er is so wuid hinta Scharnitz,
und weida geht´s zum Sylvenstein, da muaß a nei, Fall, Lenggries, Bad Tölz, Bairawies
und dann in der Pupplinger Au, wird die Zeit angehalten, in da Sommasonna auf dem weißen Kies, i sog eich des is, des Isarflimmern mitten im Paradies.

Rolling Stones im Flußbett, träumen von Lady Jane, das Ufer träumt vom Liebespaar,
und s´Gebirg vom Jennerwein, und da Fluß träumt von millionen Jahren,
und laft oiwei so dahin, in seim ewigen Tal, smaragdengrün, des is des Isarflimmern mitten im Paradies, i sog eich des is, des Isarflimmern mitten im Paradies.


...

Ach ja, der Willy Michl. Heutzutage ist er ja Berufsindianer, da weiss man nicht so recht, was man davon halten soll. Eine Zeit lang hat er jedoch richtig stimmige Musik gemacht. Das Album "Ois is Blues" höre ich immer noch gerne. Und von dieser Scheibe stammt auch das "Isarflimmern".

Durch die besungene Pupplinger Au werden wir heute auch noch radeln. Aber erst mal überholt uns ganz unverhofft einer mit einem Liegerad, einem gelben Flux S-Comp. "Hoppla, noch ein Flux!" denke ich laut vor mich hin. "Freilich, ein G'scheites halt" tönt es mir fröhlich entgegen. Und schon entfleucht der Kollege in die Ferne...

Im Ausflugslokal Aumühle, es ist Zeit für Kaffee und Kuchen, bedient uns eine Serviertochter mit lässigem niederbayerischem Dialekt und gleich fühle ich mich dann doch irgendwie angeheimelt. Es kann in Bayern schon auch irgendwie charmant zugehen, finde ich. Aber man findet auch das Gegenteil: in unserem Hotel in Wolfratshausen begegnet man uns zwar mit ausgesprochener Freundlichkeit, dahinter wird jedoch eine gewisse Distanziertheit spürbar. Na, was soll's, wir sind ja nicht gekommen, um Freundschaften fürs Leben zu schliessen, sondern wollen lediglich hier die Nacht verbringen.

Die Etappe war heute recht gut zum Einrollen. Das Wetter war akzeptabel, es blieb trocken und es war warm genug, um nachmittags draussen Kaffee und Kuchen zu geniessen.

[ nach oben ]