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Der
Blaue Schwede. Der Blaue Schwede ist mitnichten ein alkoholisierter
Skandinavier, sondern eine alte, traditionelle Schweizer Kartoffelsorte,
die ein blau-violettes Inneres aufweist (schmecken tut er nach
Kartoffel, der Blaue Schwede, aussehen tut er halt irgendwie wie
mit Lebensmittelfarben gefärbt: ungesund und künstlich).
Dieses lernen wir am Abend vor der Abreise, an dem wir uns - zur
Feier eines beziehungsinternen Jubiläums - in ein feines
Zürcher Restaurant begeben. Das mag angesichts der frühen
Abreise(und Aufsteh-)zeit am nächsten Tag noch angehen, der
anschliessende Besuch in einer Pianobar, bei der wir irgendwie
die Zeit vergessen, kann allerdings nur als schwer fahrlässig
angesehen werden. Dementsprechend verschlafen schauen wir dann
auch aus der Wäsche, als uns der Wecker am Morgen aus dem
Schlaf reisst - um 7:16 fährt der Zug. Und man muss schliesslich
noch zum Bahnhof radeln und vorher Zähne putzen und Katzenwäsche
machen und dieses und jenes erledigen, man kennt das ja.
Doch um die Mittagszeit herum liegt das alles hinter uns und wir
schieben die Räder aus dem Münchner Hauptbahnhof und
schlängeln uns durch den Stadtverkehr bis zur Isar, wo ich
erst mal tief durchatme und an die sechzehn Jahre zurück
denke, die ich in München gelebt habe. Wehmut, Bedauern oder
dergleichen will sich nicht einstellen, eher das Gefühl,
dass es ein guter Lebensabschnitt für mich war. Aber dann
hat es mich eben nach Zürich verschlagen - so geht's manchmal
eben. Und so rollen wir denn auf dem Isarradweg gen Süden,
halten am Flaucher und am Tierpark Hellabrunn zwar an, aber uns
nicht lange auf, und bald schon liegt die Stadt hinter uns.
Nach ein paar Kilometern wird der Isarradweg für kurze Zeit
zur Mountainbikestrecke, es wollen da, um Grünwald herum,
ein paar Wellen erklommen werden. Die Mountainbiker freut es (oder
ärgert es, weil sie nicht alleine auf weiter Flur sind und
wegen uns Schnecken bremsen müssen), wir dagegen werden mit
den ersten Höhenmetern dieser Reise konfrontiert. Ein paar
hundert Meter vor dem Grünwalder Schloss, als sich der Isarradweg
bis zum Hochplateau hinauf windet, geht gar nix mehr. Da ist es
einfach zu steil und der Weg besteht aus grobem Schotter, da steigt
man besser ab und schiebt.
Durch Grünwald hindurch und weiter, kerzengerade durch den
Forst. Das ist etwas langweilig, doch später leitet uns der
Weg wieder hinunter ins Flusstal und nun geht es mehr oder minder
am Wasser entlang, flott und eben dahin. Es ist nicht die Isar
selber, der wir hier folgen, sondern der Isarkanal. Bald das für
die Jahreszeit typische Bild: Die Flösse mit Bierseeligen
Ausflüglern, blau-weissem Toilettenhäuschen und Musikanten
in Uniform. Damit meine ich natürlich Trachtenanzug. Lederhose,
Haferlschuh, Gamsbart am Hut, halt die übliche Montur. "Highway
to hell" klingt übrigens gar nicht mal so deplaziert,
wenn von einer Blaskapelle vorgetragen. Man möcht's nicht
glauben.
Ich hab's ja eher nicht so mit dieser Art Freizeitvergnügen.
Wenn schon draussen in der Natur, dann doch lieber ruhig, um auf
die äusseren und inneren Stimmen hören zu können.
Die innere Stimme singt ein Lied, das wunderbar zur Landschaft
passt, nämlich das "Isarflimmern"
von Willy Michl:
Aus dem Karwendelgebirg, springt a gloana Bach er is so wuid
hinta Scharnitz,
und weida geht´s zum Sylvenstein, da muaß a nei, Fall,
Lenggries, Bad Tölz, Bairawies
und dann in der Pupplinger Au, wird die Zeit angehalten, in da
Sommasonna auf dem weißen Kies, i sog eich des is, des Isarflimmern
mitten im Paradies.
Rolling Stones im Flußbett, träumen von Lady Jane,
das Ufer träumt vom Liebespaar,
und s´Gebirg vom Jennerwein, und da Fluß träumt
von millionen Jahren,
und laft oiwei so dahin, in seim ewigen Tal, smaragdengrün,
des is des Isarflimmern mitten im Paradies, i sog eich des is,
des Isarflimmern mitten im Paradies.
...
Ach ja, der Willy
Michl. Heutzutage ist er ja Berufsindianer, da weiss man nicht
so recht, was man davon halten soll. Eine Zeit lang hat er jedoch
richtig stimmige Musik gemacht. Das Album "Ois is Blues"
höre ich immer noch gerne. Und von dieser Scheibe stammt
auch das "Isarflimmern".
Durch die besungene Pupplinger Au werden wir heute auch noch radeln.
Aber erst mal überholt uns ganz unverhofft einer mit einem
Liegerad, einem gelben Flux S-Comp. "Hoppla, noch ein Flux!"
denke ich laut vor mich hin. "Freilich, ein G'scheites halt"
tönt es mir fröhlich entgegen. Und schon entfleucht
der Kollege in die Ferne...
Im Ausflugslokal Aumühle, es ist Zeit für Kaffee und
Kuchen, bedient uns eine Serviertochter mit lässigem niederbayerischem
Dialekt und gleich fühle ich mich dann doch irgendwie angeheimelt.
Es kann in Bayern schon auch irgendwie charmant zugehen, finde
ich. Aber man findet auch das Gegenteil: in unserem Hotel in Wolfratshausen
begegnet man uns zwar mit ausgesprochener Freundlichkeit, dahinter
wird jedoch eine gewisse Distanziertheit spürbar. Na, was
soll's, wir sind ja nicht gekommen, um Freundschaften fürs
Leben zu schliessen, sondern wollen lediglich hier die Nacht verbringen.
Die Etappe war heute recht gut zum Einrollen. Das Wetter war akzeptabel,
es blieb trocken und es war warm genug, um nachmittags draussen
Kaffee und Kuchen zu geniessen.
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