Karfreitag, 22.April 2011. Von Zürich nach Ramsen (60 km)
Zürich-Oerlikon > Opfikon > Bassersdorf > Nürensdorf > Lindau > Winterberg > Winterthur > Oberwinterthur > Stadel > Dinhard > Altikon > Nieder- und Oberneunforn > Waltalingen > Unterstammheim > Etzwilen > Stein am Rhein > Ramsen

Immer wenn wir bisher von Zürich aus nach Norden aufgebrochen sind, haben wir, gewissermassen als komfortablen, weil flachen Einstieg, den Radweg entlang des Flüsschens Glatt benutzt, mit dem Vorteil, sich erst mal in Ruhe "einrollen" und an das Gewicht der Packtaschen gewöhnen zu können. An der Mündung der Glatt in den Rhein, nach ca. 30 Kilometer Fahrt, biegt man in den Rheinradweg ein - nach Westen oder Osten, je nachdem wie es weitergehen soll. Heute folgen wir ausnahmsweise mal einer anderen Strecke: von Zürich bis kurz vor Winterthur der "Mittellandroute 5" und ab Winterthur wird uns dann die Beschilderung "Wyland - Downtown" weiterleiten (das ist eine Route von Stein am Rhein durch das Zürcher Weinland bis nach Zürich). Übernachten werden wir jedoch wie üblich im Velohotel Hirschen in Ramsen.

Radreisen, die direkt an der Haustüre starten, mag ich besonders gerne. Man muss keinen Zug erreichen, braucht sich an keinen Zeitplan zu halten und kann langsam die gewohnte Gegend hinter sich lassen und ins Unbekannte eintauchen. Das ist die romantische Vorstellung, die ich so mit mir herum trage. Die Realität sieht nicht immer so aus: auf dem Weg vom Bahnhof Oerlikon zur Glatt müssen wir heute durch etliche Glassscherbenfelder balancieren. Das scheint auch immer schlimmer zu werden und neulich hab ich irgendwo aufgeschnappt, dass die Stadt Zürich aus finanziellen Gründen in Zukunft weniger oft zu räumen und kehren gedenkt. Jenseits meines eigenen Wunsches nach Ordnung, Sicherheit und Sauberkeit im öffentlichen Raum verstehe ich aber irgendwie auch, dass junge Menschen (und die Scherben stammen von den Partygängern der letzten Nacht oder der Nächte davor) ihre Energien abbauen müssen. Wo sollen sie in unserer modernen Gesellschaft auch damit hin, ohne Leitbilder und Ziele, für die man seine Energien einsetzen kann? Nun das ist ein anderes, wohl Abend füllendes Thema, und jetzt ist es erst neun Uhr, zu früh um solche Themen hin und her zu wälzen (um dann doch zu keinem Ergebnis zu kommen).

Jedenfalls: wir kommen gut durch und es gibt keinen Platten. Dann sind wir an der Glatt, folgen dem Flüsschen ein paar Meter und verlassen es auch gleich wieder, queren es auf einer Brücke und klettern in Opfikon innerorts die steile Strasse hinauf. Hoppla, da muss ich ja heute absteigen und schieben. Wie kommt's? Normalerweise komme ich hier doch sonst gut hinauf? Bin wohl noch nicht so ganz wach. Etwas später liegen die Zürcher Randgebiete endgültig hinter uns und in der Morgensonne lässt sich angenehm durch die Wald- und Wiesenlandschaft radeln. Am Karfreitag ist um diese Zeit kaum was los und dementsprechend ruhig geht es auch bei der Durchfahrt der Orte Bassersdorf und Nürensdorf zu. Irgendwann sind wir oben in Winterberg angekommen und bremsen vorsichtig die steile Abfahrt ins Tösstal hinunter.

Kurz vor Winterthur stossen wir auf die Wegweiser der "Wyland - Downtown" Route. Die Stadtdurchfahrt verläuft dank der hervorragenden Beschilderung problemlos. Trotzdem dauert es natürlich, bis wir bei Stadel endlich wieder offene Landschaft um uns herum haben. Eine sehenswerte übrigens. Vor uns taucht die Mörsburg auf, Wanderer und Reiter pflügen durch die Gegend und eine hügelige Strasse führt uns über Dinhard und Altikon bis ins Tal der Thur. Diesem Flusstal folgen wir jedoch nicht, sondern klettern die lang gezogene Steigung nach Niederneunforn hinauf und darüber hinaus weiter auf einem unbefestigten Weg durch die Weinberge, bis wir oben angekommen sind. Ein Blick zurück zeigt die Thur im gleissenden Mittagslicht. Auf einer Sandbank liegen schon die Sonnenhungrigen, die werden wohl den Nachmittag mit Grillieren und Sonnenbaden verbringen.

Uns zieht es weiter, nach Waltalingen und Unterstammheim hindurch, noch ein paar Kilometer auf einem holprigen Weg der Bahn entlang und bald sind wir auf der Einflugschneise nach Stein am Rhein. Leider ist die Stadt am heutigen Feiertag dermassen mit Touristen überlaufen, dass wir in keinem der Strassencafés einen Platz für uns finden - dabei hat uns die Vorfreude auf einen Eisbecher die ganze Zeit über das Wasser im Munde zusammen laufen lassen. Nun, so nehmen wir eben die letzten Kilometer bis nach Ramsen ohne Kalorienbombe unter die Hufe bzw. Reifen, und dort kommen wir kulinarisch dann sowieso auf unsere Kosten. Neben dem feinen Zwetschensorbet gibt's im Hirschen auch noch aufregende Neuigkeiten (hauptsächlich für Radsportbegeisterte), denn anlässlich der letzten Tour de Suisse-Etappe wird dieses Jahr im Juni das Leopard Trek Team um Fabian Cancellara im Velohotel Hirschen Quartier beziehen.

Der heutige Tag hat gemischte Gefühle hinterlassen. Landschaftlich war die Tour interessant und sie war auch um einiges kürzer als unsere "normale" Route. Doch für die erste Tagesetappe einer Radreise hat sie für unseren Geschmack zu viele Anstiege. Da gefällt uns die flache Einroll-Variante besser.