Karsamstag, 23. April 2011. Von Ramsen nach Fürstenberg (41 Km).
Ramsen > Gottmadingen > Hilzingen > Büsslingen > Tengen > Riedöschingen > Hondingen > Fürstenberg

Ich weiss nicht genau, was in diesem Winter passiert ist, doch irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass sich die Topographie verschoben, verzerrt oder sonst wie verändert hat. Steigungen kommen mir plötzlich steiler vor, die Höhenmeter mehr. Ist das vielleicht gar eine Folge der Erdbeben in Japan? Hat das auch hier alles zusammengeschoben und aufgeschichtet oder -getürmt? Jedenfalls empfinde ich die harsche Steigung am Ortsausgang von Büsslingen - eben jene, wegen der ich mir einst ein kleineres kleinstes Kettenblatt für die Speedmachine gönnte - als zu steil für meine heutige Motiva- bzw. Kondition. Also steige ich, wie gestern auch schon, nach ein paar Metern ab und schiebe das Velo den Berg hinan. Komisch, damals konnte ich das Rad sogar mit dem alten Kettenblatt dort hinauf treten und voriges Jahr hab ich das auch mit dem Trike geschafft. Heute jedenfalls geht einfach gar nichts und so schiebe ich neben dem Rad auch den Blues vor mir her. Aber was soll's: ich werde eben auch nicht jünger. Das gilt es so hinzunehmen.

Heute morgen sind wir nach einem Abschiedsschwatz mit den Wirtsleuten vom Hirschen - vielleicht krieg ich ja ein Autogramm von Cancellara? - erstmal gemütlich in den Frühlingstag gestartet. Wie gestern schon strahlt die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Bei Gottmadingen, nach den ersten paar Kilometern, befinden wir uns auch gleich auf deutschen Boden, und hier dürfen wir auch das erste Mal am heutigen Tag ein paar Höhenmeter sammeln, denn auf dem Weg nach Hilzingen muss man auf gefühlter halber Höhe um den Ebersberg herum düsen. Bei Hilzingen stossen wir auf die Schilder des Heidelberg-Schwarzwald-Bodensee-Radweges und folgen diesem nach Westen. Ein weites Tal tut sich vor uns auf, mit dem Vulkankegel des Hohentwiel im Rücken, den Hügeln des Randen links und der B 314 gleich rechts von uns. Es ist die Ruhe vor dem Sturm, bevor die Höhendifferenz vom Rheintal zum Donautal überwunden werden muss. Am Ortsrand von Büsslingen ist es dann soweit. Erst die oben schon geschilderte steile Rampe, dann weiter leicht ansteigend bis zum Städtchen Tengen und anschliessend noch die kleine "Pass-Strasse", von wo aus man endlich, vorbei an einem Reiterhof, kilometerlang hinunter ins Tal der Aitrach gleiten kann. Bei dem heutigen Wetter ist Radeln wirklich Trumpf: als wir am höchsten Punkt Rast machen, kommen diverse andere Radlergruppen ebenfalls dort oben an: eine fünf-köpfige Familie, ein älteres Paar und ein Altherren-Rennrad-Club. Eine Weile lang geniessen wir die Aussicht nach Süden, versuchen herauszufinden, hinter welchen Hügeln Zürich liegt, wo Schaffhausen oder der Bodensee zu vermuten sind und fragen uns, wie weit der Blick bei klarer Sicht hier wohl schweifen mag?

Und dann geht's hinab ins Tal. Lang zieht sich die Abfahrt hin. Das macht natürlich Spass und man kommt sich schon ein bisschen vor wie auf einem Moped. Im Tal der Aitrach biegen wir erneut nach Westen, radeln an dem Straussengehege vorbei, wo ich ziemlich exakt vor einem Jahr die Straussenportraits geknipst habe, bis uns endlich am anderen Talrand eine Strasse über Hondingen bis nach Fürstenberg führt. Voriges Jahr habe ich den Gasthof Rössle entdeckt, der uns auch diesmal beherbergt. Und wie ich es letztes Mal im Mai getan habe, sitzen wir beide auch heute Nachmittag auf einer Bank mit Blick hinab ins Donautal, zum Schwarzwald und der Schwäbischen Alb, während sich Gleitschirmflieger hinter uns auf dem Berg austoben. Diesmal quält mich kein Gewissenskonflikt, ob ich nun nach Norden zum Neckar radeln soll oder der Donau entlang fahren "darf" - diesmal darf ich.