| weiterlesen - zurück zur Titelseite - zurück zur Homepage | ||||||||||||
|
Freitag, 25.8.06. Von Zürich-Oerlikon nach Ramsen (73 Km) Im Glatttal riecht es nach verbrannter Milch und später, bei Rafz, nach Modellbausprit - den Geruch kenne ich noch aus meiner eigenen Modellfliegerzeit! Und auch der spezielle Duft übergelaufener Milch ist mir nicht gänzlich unbekannt. Aber soweit bin ich eigentlich noch gar nicht. Die erste bewusst wahrgenommene Impression an diesem Morgen sind Menschen im Gegenlicht: hinter dem Oerlikoner Bahnhof streben Berufstätige ihren Arbeitsorten zu und die Sonne beleuchtet alles von vorne, so dass ich nur ihre Silhouetten sehen kann. Schaut interessant aus. Ich bin jedoch noch nicht genug in Stimmung, um dieses Bild mit der Knipsi zu pixeln. Lieber versuche ich, mich ohne Kollision durch die Laufenden und Strebenden hindurch zu schlängeln. Einen Lidschlag später packe ich, schon am Uferweg an der Glatt, meine Taschen vom Rad und versuche herauszufinden, wo der Reifen des Hinterrades jedes Mal beim Einfedern streift. Ah, es ist nicht das Schutzblech, sondern der Sitz! Für diese Reise habe ich mir nämlich einen breiteren Reifen gekauft, ohne daran zu denken, dass dieser ja auch mehr Durchmesser/Volumen hat. Ohne Gepäckzuladung gab's keinerlei Probleme, aber jetzt mit den Packtaschen kommt eben mehr Gewicht auf's Rad und die Feder des Federelementes an der Speedmachine ist nur von mittlerer Stärke und federt dann zu weit ein. Ich sollte mir vielleicht doch mal eine härtere Feder zulegen. Jetzt gilt es einfach, den Sitz steiler zu stellen, damit der Reifen ihn nicht mehr berührt. Aber steilere Sitzwinkel fahre ich nicht so gerne, flachere passen mir besser...hm... Immerhin lenkt mich dieses Herumhantieren etwas ab und hilft mir, meine Gedankengänge zu kanalisieren, denn so gerne bin ich heute eigentlich gar nicht losgezogen. Margrit und ich werden nämlich jetzt für einige Wochen getrennt sein: sie nimmt an einer Kulturreise nach China teil und ich konnte dummerweise meinen Urlaub nicht so legen, dass er sich mit ihrer Reise eins zu eins gedeckt hätte. Jetzt steht uns eben eine gewisse Durststrecke bevor und mir ist wieder mal klar geworden, dass ich Abschiede nicht wirklich mag. Trotzdem - unsere getrennt absolvierten Reisen haben uns bisher im Nachhinein immer gut getan. Wir sind beide ausgeprägte Individualisten mit Hang zum Einzelgängertum, und es ist schon auch spannend, sich ab und zu als Einzelwesen wahrnehmen zu können. Das sagt jedenfalls der Verstand. Der Bauch sagt was anderes, und darum ist es gar nicht schlecht, wenn ich hier erstmal mit einem radspezifischen Problemchen beschäftigt bin. Also, wie war das? Steiler Sitzwinkel? Da wollen die Muskeln sich erstmal wieder dran gewöhnen. Und steilerer Sitzwinkel bedeutet auch mehr Luftwiderstand und damit verringerte Geschwindigkeit und Papperlappapp! Was rede ich da! Wenn auf dieser Reise etwas von absolut geringer Bedeutung ist, dann das Tempo! Ich hab wirklich mehr als reichlich Zeit eingeplant, um von Zürich nach Oberviechtach zu kommen. Wahrscheinlich werde ich eh noch irgendwo einen Umweg oder eine Schleife einbauen "müssen", denn mein Vater kommt erst am Sonntag in einer Woche aus dem Urlaub zurück und früher will ich gar nicht vor Ort sein. Also immer mit der Ruhe! Und weil ich mich nicht dem Diktat des Tachometers unterwerfen will, komme ich sogar noch auf die Idee, die Halterung des Tachos so um den Lenker zu drehen, dass ich das Display nicht sehen und rein nach Gefühl fahren kann. Ist auch wieder doof, stelle ich nach einer Weile fest. Während ich mich so wie von aussen beobachte, frage ich mich allen Ernstes, ob ich noch recht bei Trost bin Jedenfalls, eins ist sicher: mir läuft absolut nichts davon! Ich werde heute wieder bis nach Ramsen radeln und mich im Hotel Hirschen einquartieren. Irgendwie hab ich mir den Beginn dieser Reise anders vorgestellt. Vorfreudiger vielleicht und nicht so abschiedsschmerzig-durchzogen. So nutze ich heute den Weg entlang der Glatt einmal nicht als Rennbahn, sondern pedaliere recht introvertiert und fast ein bisserl apathisch vor mich hin, bis mich die eingangs erwähnten Düfte in andere, in vergangene Welten entführen und ich langsam zu mir komme und realisiere, dass ich ja am Anfang einer Radreise stehe, auf die ich mich lange schon gefreut habe. Das Wetter und die Temperaturen sind heute ideal, es ist noch relativ kühl, es braucht einen Fleecepulli übers Trikot, aber die Sonne wärmt schon und später am Vormittag wird wohl T-Shirt-Wetter sein. Der Himmel zeigt dieses typische Frühherbst-Blau, das ich so mag - und heute soll es trocken bleiben! Für die nächsten Tage ist zwar veränderliches Schauerwetter angesagt, aber erst mal sehen, wie viele Regenstunden Petrus mir auf diesem Trip wirklich zudacht hat. Immerhin habe ich mir ein neues Paar Sealskinz-Regenhandschuhe geleistet, nachdem ich ja neulich einen Handschuh verloren habe. Leider kann man Handschuhe nicht einzeln nachkaufen tja Über diese Fahrt entlang der Glatt gibt's nicht viel Aufregendes zu berichten. Ob die Information, dass ein quer über den Weg gestürzter Baum meinen Lauf bremst und ich mein Gefährt drüber hieven muss, von allgemeiner Bedeutung ist, mag jeder für sich selbst befinden - mir bringt der Umstürzler immerhin einen kurzen Wortwechsel mit einer feschen Radlerin, die just zur selben Zeit, von der anderen Seite kommend, auf das Hindernis trifft. Wir haben Westwindlage, deswegen bekomme ich später am Rhein etwas Zuwendung von achtern. Eglisau. Den Rhein überquert. Drüben den steilen Anstieg hinauf geschnauft. Das Rafzer Feld. Lottstetten, Jestetten, Neu- und Schaffhausen - alles im Prinzip wie gehabt. Bei Büsingen entdecke ich einen Wegweiser für eine Route nach Ramsen, der mir vorher noch nie aufgefallen ist. Ich entscheide mich für diese Alternativstrecke, die mich über Dörflingen und Gailingen nach Ramsen führt. Im Gegensatz zur üblichen Strecke entlang des Rheins gibt's hier zwar ein paar Höhenmeter mehr zu sammeln, aber dafür werde ich auch mit schöneren Ausblicken belohnt. Als ich abends in der Gartenwirtschaft des "Hirschen" sitze, zeigt sich der Himmel makellos blau und mir wird bewusst, dass wir ja immer noch Sommer haben! Nach dem Wetter der letzten Wochen war mir schon irgendwie ganz herbstlich zu Mute. Einen Tisch weiter unterhalten sich zwei Männer recht angeregt. Den einen hätte ich bei oberflächlicher Betrachtung für einen typischen Stammtischbruder gehalten, der andere hat das Auftreten und Aussehen eines Försters oder Fischers: Khakihosen, Gummistiefel und dergleichen. Plötzlich zieht der eine ein Manuskript aus der Tasche und es entwickelt sich zwischen den beiden ein Gespräch über Aphorismen und Stilmittel und Denkprozesse in der Literatur, über sprachliche Potenz und gezielten Einsatz von Metaphern - eigentlich ein interessantes Gespräch, dass ich da so am Rande mitbekomme. Vor allen Dingen hätte ich das den beiden Herren nicht auf Anhieb zugetraut. Erst als sich einer der beiden wieder verabschiedet, kann ich mich auf die Eingangssequenz meiner Reiselektüre konzentrieren: diesmal begleitet mich "Die Nacht vor der Scheidung" von Sándor Márai. Márai ist ein sensibler und brillanter Erzähler, den ich neulich mal für mich entdeckt habe, als ich mir mehr aus einer Laune heraus sein "Wandlungen einer Ehe" gekauft hatte. |
|||||||||||
| weiterlesen - zurück zur Titelseite - zurück zur Homepage | ||||||||||||