Samstag, 26.8.06. Von Ramsen nach Tuttlingen (72 Km)

Fängt ja gut an heute: da ich diesmal der einzige Hotelgast zu sein scheine, hat man auf meinem Frühstückstisch so eine Art Mini-Buffet aufgebaut, also im Prinzip das ganze Arsenal mit allem Pi-Pa-Po. Leider bekomme ich so früh am Morgen noch kaum was runter, sodass ich das gar nicht richtig zu wertschätzen vermag. Sehr willkommen ist mir dagegen das Lunchpaket! Um acht Uhr bin ich unterwegs. Die Sonne scheint und der Kegel des Hohentwiel begleitet mich auf den ersten Kilometern, als ich auf einer kleinen Landstrasse Richtung Gottmadingen radle. Herr Neidhart, der Inhaber des Hirschen, hat mir netterweise eine Route ins Donautal mitgegeben. Bei Geisingen würde ich dort auf die Donau treffen und die Steigungen wären moderat - das Donautal liegt ja immerhin um einige hundert Meter höher als das Rheintal. Allerdings müsste ich ab Engen dann auf der Bundesstrasse fahren, die aber wohl nicht viel Verkehrsaufkommen hat, da nebenan die Autobahn entlang führt. Ich bin mir noch unschlüssig, ob ich dieser Route folgen will, da ich eigentlich lieber weiter im Westen raus käme, am liebsten wieder bei Sumpfohren, wo ich neulich schon war. Andererseits, wie ich es auch drehe und wende, alle anderen Strassen Richtung Donautal weisen "Pässe" mit mindestens zwei Steigungspfeilen in meiner Landkarte auf und so interessant finde ich die Kletterei als solches nun auch wieder nicht.

Ich bin noch immer nicht zu einem Entschluss gekommen, als ich auf die Routenführung des "Heidelberg-Schwarzwald-Bodensee"-Weges stosse. Dieser leitet den Radler unter anderem nach Donaueschingen. Und irgendwie zieht's mich dann einfach wie magnetisch auf diese Route, meine innere Kompassnadel schlägt eindeutig in diese Richtung aus und ich biege spontan nach links ab. Was soll's auch. Zeit hab ich genug, denn ich will heute nicht weiter als bis nach Tuttlingen radeln. Von Gottmadingen geht's bis Riedheim, und von dort an folge ich der Beschilderung des "Heidelberg-Schwarzwald-Bodensee"-Weges. Auf dieser Strecke kann ich zuerst recht angenehm auf asphaltiertem Flurweg oder Naturweg fahren. Rechterhand gäbe es zwischendurch mal einen römischen Gutshof zu besichtigen, beziehungsweise das, was davon noch erhalten ist.

Ab Büsslingen geht's dann aber zur Sache. Drei Steigungspfeile auf meiner Landkarte verheissen alles, nur nicht Gutes. Es ist klar, dass ich nach hundert Metern schieben muss, weil mir schlicht und ergreifend die Puste ausgeht. So geht das ein Weilchen, bis die Steigung etwas weniger steil wird und ich wieder treten kann. Bis Tengen fahre ich mehr oder minder den Berg hinan und auch nach Tengen warten noch ein paar Kilometer Kletterpartie auf mich, allerdings lässt sich das dann wieder pedalierend bewerkstelligen. Vielleicht brauche ich für die Speedmachine doch noch mal ein kleineres kleines Kettenblatt, hab mir das neulich schon mal überlegt. Irgendwann bin ich oben, habe einen wunderbaren Panoramablick nach Süden, der lediglich durch Stromleitungen/-Masten getrübt ist und kann das "Breitental" hinunter zur Aitrach gleiten.

Dort angekommen, biege ich erneut nach links, also nach Westen, ab. Ein Wirtschaftsweg am Talrand führt grob Richtung Blumfeld. Eine Straussenfarm liegt am Weg. Ich denke mir, dass ich diesen Viechern auch nicht unbedingt in freier Wildbahn begegnen möchte. Die Schnäbel schauen nicht gerade vertrauenserweckend aus - und erst die mächtigen Beine mit den Krallen...aber das steht ja auch gar nicht zur Debatte, denn die komischen Vögel sind schön brav in ihrem Gehege eingesperrt und denen bin ich wohl auch nicht so geheuer, sie suchen flugs das Weite, als ich angezuckelt komme. Also nicht "flugs", sondern eher "laufs"…

Ein paar Wochen vorher bin ich ja schon, von Blumberg aus, entlang der Routenführung des "Heidelberg-Schwarzwald-Bodensee"-Weges über Riedböhringen und Behla auf einem Radweg parallel zur B27 nach Donaueschingen geradelt. Diesmal möchte ich herausfinden, ob die etwas östlich davon verlaufende Strasse über Hondingen und Fürstenberg angenehmer zu befahren ist. Ist sie! Man spürt die Steigung kaum, irgendwann ist man in Fürstenberg und hat von dort einen grandiosen Blick hinunter ins Donautal und auf die Hochebene der Baar. Unterwegs sehe ich noch eine Handvoll Gleitschirmflieger die Aufwinde des Fürstenberges nutzen, während unten auf den Getreidefeldern die Bauern mit ihren Traktoren fuhrwerken - Arbeit und Vergnügen…

Ich gleite hinab ins Donautal, lasse den Ort Sumpfohren knapp links von mir liegen und erreiche nach einer kleinen Irrfahrt über eine Wiese bei Neudingen die Donau. Und jetzt freue ich mich wirklich, in der nächsten Zeit dem Donauradweg folgen zu dürfen! Hier ist der Fluss noch klein und das Tal ist weit, ich sehe mehrere Radler flussabwärts rollen und plötzlich kann ich mich genau an die Stimmung von damals erinnern. Fast meine ich noch den Ort benennen zu können, wo ich das erste Mal kurz anhielt, mir den Rucksack vom Rücken nahm und hinten auf die Packtaschen zurrte und dabei nochmals die Aussicht über die Baar bewunderte. Ich gleite am Wartenberg vorbei und auf Geisingen zu, beobachte, wie das Tal nun langsam enger wird und die Nadelwälder näher heranwachsen. Ja, die Landschaft ist hier wirklich schön - sie gefällt mir immer noch gut.

Irgendwo bei Immendingen besichtige ich eine dieser Versickerungsstellen und stehe vor einem völlig ausgetrocknetem Flussbett. Da ich neugierig bin und meine körpereigene Kläranlage randvoll meldet, starte ich einen Selbstversuch: und siehe da, auch dieses Nass versickert sofort im Erdboden…wer hätte das gedacht?

Möhringen. Dort konnten wir damals wegen des Hochwassers nicht auf dem Radweg bleiben und mussten die Räder über die Böschung und die Bahn hinauf auf die Landstrasse hieven. Kurz vor Tuttlingen gibt's einen Radlerstopp und plötzlich fällt mir noch ein anderer Radausflug entlang der Donau ein: hier hab ich mal ein gemütliches Päuschen eingelegt und auf meinen Reisegefährten gewartet, der die stillgelegten Dampfloks jenseits der Donau fotografieren wollte und deswegen durch die Donau gewatet ist.

In Tuttlingen beziehe ich Quartier im Hotel Garni Rosengarten. Als ich um halb fünf eine kleine Besichtigungsrunde per Pedes unternehme, verbreitet die Fussgängerzone schon eine, sagen wir mal: dezente Samstagnachmittags-Tristesse. Die Läden machen dicht, die Trottoirs werden hoch geklappt und die Innenstadt gehört schon den Halbstarken. Der Himmel hat sich bedeckt und im Laufe des Abends fängt es zu regnen an, gar heftig prasselt es hernieder. Aber mich stört das gar nicht so sehr, ich sitze im griechischen Restaurant, das zum Hotel gehört, und schwelge in Gyros- und Tsatsiki-Lust, in Retsina-Seeligkeit und Ouzo-Wonne und irgendwie passt da auch noch Sándor Márai dazu - eine griechisch-ungarische Allianz.

Später sehe ich noch ein paar Minuten einer Dokumentation über die Donau in Rumänien, speziell das Donaudelta. Und irgendwie beschliesse ich bei diesen Bildern, die meiner Fantasie so gar nicht entsprechen, dem Fluss NIE bis zu seiner Mündung ins schwarze Meer zu folgen - ich möchte mir nicht jeden Mythos, jede Illusion zerstören. Hm...ich brauche ab und zu einfach meine Wolkenkuckucksschlösser...