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Freitag, 28.07.2006 - von Zürich bis Stühlingen (69 Km) Sieht nicht gut aus. So oder so nicht. Jetzt litten wir mehr oder minder wochenlang unter dieser Hitzeperiode, jeder Tag weit über dreissig Grad Celsius, garniert mit der düsteren Vorahnung des Klimawandels, der nicht erst in Zukunft auf uns zukommen wird, sondern - wie man sieht - schon voll im Gange ist. An Radfahren denkt man da nicht so sehr, Körper und Geist sehnen sich eher nach Abkühlung und ein Sprung in kühle Fluten hat Vorrang vor jeder anderen sportlichen Aktivität. Doch auch diese heissen Tage sind einmal zu Ende und der Wetterbericht verspricht für den heutigen Freitag eine Kaltfront, die der Hitzewelle den Garaus machen wird. Gut so! Die Natur braucht das! Weniger gut dagegen ist, dass genau am heutigen Freitag mein Urlaub beginnt und besagte Kaltfront nicht klammheimlich und auf Samtpfoten daher geschlichen kommen wird, sondern laut polternd mit heftigen Gewittern und Sturmböen. Regenwetter ist mir egal. Und nach all diesen heissen Tagen würde ich eine Fahrt im Regen wirklich geniessen können. Nur die die Unwetter bereiten mir Sorgen, denn von einem Gewitter mit Hagel, Sturm und den üblichen Zutaten mitten in der Pampa überrascht zu werden - davor hab ich ehrlich gesagt ziemlich Bammel! Was also tun? Bis Mittag soll es noch trocken bleiben und wenn ich früh genug losziehe und meine Etappe schon um die Mittagszeit beende, sollte alles noch im grünen Bereich liegen und ich trockenen Fusses ankommen. Ab Samstag soll's dann mit dem Wetter sowieso eher moderat und ohne grosse Störungen weitergehen, heisst es jedenfalls - und somit wäre ich auf der sicheren Seite. Stühlingen ist ein kleiner Ort im Tal der Wutach, und wenn ich mich nicht arg verrechne, wäre das ein geeignetes Ziel für die erste Tagesetappe. Ein Anruf im Landgasthof Rebstock macht aus Nägeln Köpfen und heute Morgen rolle ich schon kurz nach sechs Uhr, angetrieben von besagten Wetterprognosen und reichlich unruhig und ungeduldig hinunter nach Oerlikon, quere die Bahngeleise, mache mich auf den Weg zum Katzensee. Heute fahre ich nämlich NICHT die Glatt entlang, um an den Rhein zu gelangen, sondern wähle einen anderen Weg, um weiter westlich auf den Fluss zu treffen. Diese Route ist zwar mit ein paar nicht zu verachtenden Höhenmetern gepfeffert, wartet im Gegenzug aber auch mit einer etwa acht Kilometer langen Abfahrt durchs Tal des Fisibaches auf. Man fährt also am Katzensee und seiner teilweise tundra-artigen
Umgebung vorbei, zweigt dann ab nach Dielsdorf, peilt die Ortschaft Steinmaur
an und anschliessend darf man über Bachs nach Kaiserstuhl hinunter
gleiten. Ich fahre durch ein "Morgenland": die Sonne geht gerade
auf und schickt die ersten Strahlen fast waagerecht über glänzend
nasse Felder und Wiesen. Ob diese Nässe vom Morgentau kommt oder
noch vom gestrigen Gewitter stammt, kann ich nicht beurteilen, jedenfalls
dampft der Katzensee im Morgenlicht. Als ich ein paar Minuten später
die Steigung nach Dielsdorf hinauf strample, geht nach einem Schaltvorgang
und verdächtigem Knacksen gar nichts mehr. Die Kette ist aus der
Umlenkrolle gesprungen, weil das hintere Kettenschutzrohr schon wieder
von der Kette durchgefräst wurde, dabei hab ich den Haltedraht erst
vor etwa tausend Kilometern ersetzen lassen. Dieser Haltedraht für
das Kettenschutzrohr ist irgendwie der (einzige) Schwachpunkt bei der
SMGT und der Speedmachine. Bei der SMGT hab ich das Schutzrohr längst
schon mit Kabelbindern hingepfriemelt und den Haltedraht entfernt. Und
das mache ich hier jetzt auch und hoffe, dass diese provisorische Lösung
hält. Dummerweise hat die Kette ein Segment aus der Umlenkrolle mit
herausgebrochen und ich hoffe, dass sie noch funktioniert - sie tut's...
Also kann es weitergehen. Kaiserstuhl. Wieder die steile Altstadtgasse im Schritttempo
hinunter zur Rheinbrücke. Über den Fluss gesetzt. Drüben
mustern mich die Zollbeamten, finden mich aber nicht interessant genug,
um mich anzuhalten. Wie sich doch die Zeiten ändern: ich mag mich
an meine Pendelzeit zwischen München und Zürich erinnern, wo
ich so oft im Zug kontrolliert worden bin. Aber seitdem ist ein Jahrzehnt
vergangen, ich bin wohl der verdächtigen Gruppe entwachsen (und die
Haare sind kürzer geworden). Schon erklimme ich auf der deutschen
Seite den Hang, wie ein paar Wochen vorher auf unserer Tour
nach Lothringen. Auch heute möchte ich ein Teilstück des
Rheinradweges benutzen, um zur Wutach zu gelangen. Ich kann später
dann beim besten Willen nicht mehr nachvollziehen, was auf diesen zwanzig
Kilometern zwischen Kaiserstuhl und Tiengen passiert ist, ich meine: warum
ich so schnell sein konnte, jedenfalls bin ich um neun Uhr schon kurz
vor Tiengen an genau der Stelle, an der wir ein paar Wochen zuvor zum
Handy griffen und ein Zimmer reserviert haben. Diese Strecke lässt
sich einfach gut befahren, zumal so früh am Morgen, wo ausser mir
kein einziger Radler unterwegs ist und ich es laufen lassen kann. Der
Strassenbelag ist glatt, anscheinend ist es dauernd latent abschüssig
- so kommt's mir zumindestens vor - und die Speedmachine macht ihrem Namen
alle Ehre. In Lienheim, Rheinheim oder Küssaberg wird die Route durch Neubaugebiet und Wohnsiedlungen geleitet. Als ich da so entlang radle, ich mir die Häuschen und Gärten so betrachte und mir eine Terasse mit fast japanischem Ambiente auffällt, frage ich mich, warum ich selber dieses Häusle-Baue-Bedürfnis nicht verspüre. Und mit dem Kinderwunsch verhält es sich ja genauso. Bin ich mit meinen vierundvierzig Jahren immer noch nicht richtig erwachsen oder fehlt mir eine entscheidende Eigenschaft, ein wichtiges Gen? Und was treibt mich dazu, ein Fahrrad durch die Lande zu bewegen, anstatt eine Woche lang Badeferien zu machen und mich zu erholen? Eine Woche Pauschalurlaub kann unter Umständen sogar billiger sein als das, was ich hier anstelle. Man sieht, ich komme eben auf allerhand abstruse Gedanken, wenn ich alleine unterwegs bin. Lassen wir das. Ich biege lieber bei Tiengen scharf nach Nordosten ab, hab die Sonne nun im Gesicht und radle der Wutach entgegen, und, als ich den flussbegleitenden Radweg gefunden habe, auf diesem dahin. Heute ist hier wohl an allen Schulen Wandertag angesagt, ich sehe immer wieder mal wandernde Schulklassen. Einmal plantscht man in der Wutach, ein andermal werden Schüler samt Lehrerin auf einen Anhänger verfrachtet, der dann von einem Traktor gezogen wird. Wenn da nur nichts passiert, denn sonst freuen sich die Anwälte und die Lehrerin kann ihren Job getrost vergessen... Hier im Wutachtal pedaliert man unmerklich bergauf, nicht so, dass man es gross spüren würde, aber das Tempo geht etwas zurück. Ich lasse mir wohl besser etwas Zeit, sonst kann ich mich in Stühlingen gleich nochmal mit an den Frühstückstisch setzen Langsam wird das Flusstal enger und die B 314 und die Eisenbahn rücken näher heran. In Stühlingen selbst muss ich dann einen "Römerweg", eine steile Kopfsteinpflasterstrasse den Berg hinan schieben. Es ist bisher trocken geblieben, aber jetzt, um die Mittagszeit, ist es schon wieder drückend heiss geworden und ich bin dann doch ganz froh, so früh schon am Etappenziel angekommen zu sein. Der Gasthof Rebstock und das dazugehörige Museum samt Biergarten dominiert hier ein bisserl das Dorfbild. Die Wirtin ist so ein klein wenig der Typ Marlene Dietrich, oder könnte eine deutsche Filmschauspielerin aus den fünfziger Jahren sein, so Grössenordnung Marianne Hold oder Mady Rahl, wenn ich mich visuell noch recht entsinne. Nein, nicht wie die Garbo. Das dann doch nicht. Und der Wirt, wohl in meinem Alter, hat den Übergang vom jungen Mann zum "g'standenen Mannsbild" schon vollzogen. Hab ich das eigentlich auch schon? Ich kann es nicht beurteilen, ich warte immer noch auf das - siehe weiter oben - Erwachsen-Werden... Und dann: ein älterer Herr, angetan mit weissem Unterhemd und dunkelblauer Arbeitshose, fährt noch kurz seine schwarze BMW spazieren - ein gepflegter Oldtimer aus der Mitte des letzten Jahrhunderts (ich meine das Motorrad). Später öffnet der Himmel endlich sein Schleusen und es regnet wenigstens zehn Minuten lang - ein Unwetter bleibt allerdings aus. Meine Reiselektüre ist diesmal "Das Brot der frühen Jahre" von Heinrich Böll. All die Not in den (ersten) Nachkriegsjahren, der Wahnsinn, den man gerade hinter sich gebracht hatte und dann der Neuanfang, die Stunde Null. Und wir hier, sechzig Jahre später, erleben genau das Gegenteil: den Zerfall der abendländischen Kultur, den Niedergang all der Werte, an die man noch glauben konnte...Treibstoff ist uns wichtiger geworden als unser täglich Brot... |
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