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Samstag, 8. Mai 2010. Von Ramsen nach Fürstenberg (44 km)

Ramsen > Gottmadingen > Hilzingen > Büsslingen > Tengen > Riedöschingen > Hondingen > Fürstenberg

"Können Sie aufstehen und gehen?" Es ist die Seniorchefin des Gasthofes zum Rössle in Fürstenberg, die sich grad im Eingangsbereich des Gasthofes zu schaffen macht und mich mit dem Scorpion vorfahren sieht, die diese Frage stellt. Ausnahmsweise kommt mir auch mal zum richtigen Augenblick ein Bonmot in den Sinn und schon ist das Eis gebrochen. So schnell kann's gehen. Als sich dieses Geschehnis zuträgt, ist es erst kurz nach Mittag, doch ich lasse es für heute gut sein. Ich bin nämlich genau dort angekommen, wo ich im Augenblick hin will und das ist alles rundum stimmig und in Ordnung.

Heute bin ich ebenfalls nicht übertrieben früh aufgebrochen. Im Hotel Hirschen herrschte noch die Ruhe vor dem Sturm - dort wird im Laufe des Tages eine Hochzeit ausgerichtet und man weiss ja, was das für eine Gaststätte an Arbeit und Aufregung bedeutet. Ich komme schliesslich kurz vor neun los und radle erstmal in Richtung Gottmadingen. Angenehm ruhig und mild ist es, als ich lokalen Radwegweisern folge, die mich zuerst eben nach Gottmadingen und anschliessend weiter nach Hilzingen leiten. Dort treffe ich auf einen Fernradweg, dem Heidelberg-Schwarzwald-Bodensee-Weg und klinke mich dort ein. Ein weites Tal tut sich auf. Mit dem Hohentwiel und anderen Vulkanen und der Sonne im Rücken nähere ich mich Büsslingen. Dort beginnt der anstrengende Teil des Tages. Noch innerorts geht es steil bergauf, so steil, dass mein leichtester Gang im Prinzip nicht mehr ausreicht und ich mich kräftig in den Sitz stemmen muss. Das ist genau die Stelle, an der ich damals beschloss, mir ein noch kleineres Kettenblatt an die Speedmachine zu montieren. Keine Ahnung, wie viel Steigungsprozente das hier sind, aber für mein Empfinden ist das schon beachtlich. Aber ich komme hinauf - und zwar gar nicht schlecht! Es erleichtert ungemein, dass man nicht auch noch mit der Balance und der Gefahr des Umkippens zu kämpfen hat. Irgendwann bin ich im Städtchen Tengen angekommen. Von dort gilt es zwar nochmals, einen Höhenzug zu überwinden, doch dieser "Pass" ist moderater und leicht zu fahren. Während man klettert tut sich ein Panoramablick nach Süden auf, mit dem Städtchen im Tal und sich bis an den Horizont fortpflanzende Hügelketten. Schade nur, dass die vielen Stromleitungen die Aussicht trüben.

Den Rastplatz vor der letzten Kurve des Anstiegs nehme ich gerne an. Als ich mich gerade über mein Lunchpaket her mache, schliesst ein Radler schnaufend zu mir auf und erkundigt sich nach dem Weg, was wir dann mit Hilfe meiner Karte erörtern. Ob ich mich bewusst für so ein Fahrrad entschieden habe, will er wissen, nachdem er meinen orangefarbenen Begleiter ausgiebig unter die Lupe genommen hat. Na klar! Natürlich, mit einer Rohloffnabe und mit SON-Nabendynamo wie er kann ich nicht aufwarten, mein Scorpion schaltet sich mit der billigen SRAM Dualdrive (die ich jedoch sehr mag) und als Stromgenerator für das selten benötigte Licht dient ein normaler Dynamo, doch was den Fahrgenuss anbelangt...ob man sich das als "Normalradler" wohl überhaupt vorstellen kann? Aber, ist eben nicht jedermanns Sache und uns gegenseitig eine schöne Tour wünschend, scheiden sich unsere Wege wieder.

Bald mache ich mich auf den Weg ins Tal der Aitrach. Das ist nun nicht mehr weiter anstrengend für die Beine. Eher für die Hände - denn so ganz ohne Bremsverzögerung mag ich meine beladene Fuhre dann doch nicht die Abfahrt hinab schiessen lassen. Unten im Tal angekommen, biege ich erneut nach Westen ab und radle parallel zur Bahn entlang. Wieder sehe ich die beiden Strausse in ihrem Gehege, wie damals bei der Donautour 2006 schon. Mittlerweile hat man einen doppelten Zaun gebaut. Zu wessen Schutz? Mit den Vögeln ist ja nicht zu spassen, wenn man sich mal die Krallen und die muskulösen Beine betrachtet. Lustige kleine Ohren haben sie. Kurz vor Blumberg wechsle ich auf die andere Talseite, quere die Landstrasse und biege in die kleine Strasse nach Hondingen und Fürstenberg ein. Hier geht es kaum merklich bergauf und mit einer dunklen Regenwolke vor mir fahre ich in Fürstenberg ein, kann es aber nicht lassen und werfe erstmal einen Blick hinunter ins Donautal, bevor ich den Gasthof aufsuche. Dort unten im Donautal regnet es.

Nach einer Siesta haben sich auch die Regenwolken verzogen und ich mache mich mit der Kamera auf dem Weg. Eine Sitzbank mit Blick ins Donautal kommt mir gerade recht. Wolkenschatten wandern über die Baar und in diesem Moment bin ich genau da, wo ich mich hin geträumt habe. Linkerhand, jenseits des Wartenberges, wird das Flusstal langsam enger, es wirkt auf mich wie ein Trichter und zieht mich an wie ein Magnet. Rechts schweift der Blick bis zu den Schwarzwaldbergen. Natürlich wandern die Gedanken zurück an die erste Radreise 1994 und rufen alles Mögliche auf, was damit in Zusammenhang steht: von der damaligen Aufbruchstimmung über die Entwicklung der letzten Jahre, was Reisegewohnheiten und Ausrüstung anbelangt, bis zum Tod meiner Eltern. Vieles scheint Lichtjahre entfernt, anderes dagegen so nah, als ob es gestern gewesen wäre.

Wie ich da so über Vergangenes nachsinne und den Blick hinüber zum Wartenberg schweifen lassen, der bald im Schatten, bald im Sonnenlicht liegt, bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich mein eigentliches Ziel, diese Schnupperfahrt in die Schwäbische Alb, überhaupt wie geplant durchziehen will. Der Fluss dort unten, die Donau, übt eine Sogwirkung auf mich aus. Ich stelle mir vor wie es wäre, mich einfach in den Donauradweg einzuklinken und mich bis nach Regensburg tragen zu lassen und dann mit dem Zug zurück zu fahren... Was ich wohl mit diesem Fluss habe, oder er mit mir? So oft bin ich ihm schon gefolgt und es will mir nicht langweilig werden. Nun, ich muss es ja nicht hier und jetzt entscheiden…

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