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Jetzt weiss ich endlich, warum ich den schweren
Reiseführer über die Normandie mitschleppe, den ich kurz vor
der Reise noch erstanden habe: Hier finden sich nämlich neben den
üblichen Ortsbeschreibungen auch noch reichlich gute Übernachtungstipps,
wie man bei dieser Etappe sehen wird. Und sie wird eine anstrengende Etappe
werden, die heutige. Mit einem unerwarteten Tagesausklang.
In Anbetracht der Tatsache, dass man in Frankreich nicht mehr in jedem
Dorf einen Lebensmittelladen findet, hat heute Morgen die Versorgung mit
Proviant allererste Priorität. Gleich neben unserem Hotel gibt es
einen Intermarche, einen dieser riesigen Supermärkte, in denen man
sich schon mal verirren kann (oder bei all der Auswahl einfach nicht weiss,
welchen Camembert denn man jetzt mitnehmen soll). Wir sind zu früh
dran, warten aber lieber noch die Viertelstunde bis zur Öffnung des
Einkaufstempels, dann kann man das Thema Proviantsuche nämlich ad
acta legen. Wir sind übrigens nicht die ersten, die vor der offiziellen
Öffnungszeit hier warten: etwa zwei Dutzend vorwiegend ältere
Personen sind auch schon da und nutzen die Zeit für ein Schwätzchen.
Wahrscheinlich gibt es wegen des gestrigen Jahrmarkts die ein oder andere
Anekdote auszutauschen, tratschen tun wir ja alle gern.
Etwas später rollen wir dann verrichteter Dinge in die Innenstadt
und suchen uns den Anschluss an den gestrigen "Voie vert", der
uns zuerst nordwärts bis nach Condé-sur-Huisne leiten soll.
Als Fortsetzung der gestrigen Etappe radeln wir weiterhin auf kleinen
Strassen am Talrand des Flüsschens Huisne dahin, immer so auf halber
Hanghöhe mit dem Blick ins Tal, das sich hier als recht hübsch
erweist. Da kann man nicht meckern. Im Reiseführer haben wir gelesen,
dass wir bald durch die Grafschaft Perche radeln werden, bekannt für
seine riesigen Pferde, die Percheron.
Bei Condé-sur-Huisne wartet ein anderer "grüner Weg"
auf uns, nämlich eine stillgelegte und zum Radweg umfunktionierte
Eisenbahnlinie. Mit etwas Skepsis folgen wir dieser Route. Einerseits
ist unser Weg heute recht lang, die Gegend hier ist alles andere als flach,
wir werden wieder Gegenwind haben und Bahntrassen haben es an sich, dass
sie meist mit moderaten Steigungen durch das Land führen, das sollte
uns eigentlich in die Karten spielen. Andererseits sind stillgelegte Bahntrassen
meist stinklangweilig und der Belag kann schon mal zum Schlechteren hin
tendieren. Doch auf dem Blatt Papier überwiegen die Vorteile und
so vertrauen wir uns diesen Weg an.
Und zuerst rollt das auch wirklich super. Im ersten Abschnitt bis ca.
Mortagne-au-Perche ist die Oberfläche recht glatt und wir kommen
gut voran. Doch eines der Vorurteile gegen diese Art Radweg bestätigt
sich schnell: Man fährt in einem grünen Korridor. Die Bahnlinie
ist rechts und links von Buschwerk gesäumt und man bekommt leider
nur ab und zu mal mit, dass da draussen auch noch Landschaft stattfindet.
Nur punktuell darf der Blick mal in die Ferne schweifen und es kommt ein
Schloss, ein malerisches Dorf auf einer Anhöhe oder sonst etwas Sehenswertes
ins Blickfeld. Das wirkt recht einschläfernd auf uns. Ermüdend
sind auch die vielen Schranken, eigentlich für jeden noch so kleinen
kreuzenden Feldweg angebracht. Die Schranken sind aus Holz gezimmert und
durch ihren braunen Farbton recht unauffällig, zudem sind sie nur
mit kleinen Reflektoren, bei Tageslicht so gut wie nutzlos, versehen.
Möchte nicht wissen, wie viele Leute hier schon gestürzt sind.
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Nach Mortagne-au-Perche kommt dann der Weckruf.
Zuerst wird der Weg für ein paar hundert Meter lang für bepackte
Reiseräder gefährlich, denn er weist auf abschüssiger Strecke
Geröll und grössere Steine auf, so dass wir lieber absteigen
und die Räder schieben. Später ist es plötzlich vorbei
mit der angenehm glatten Oberfläche und wir müssen mit diesem
typischen Belag aus feinem Kies bzw. Splitt vornehmen, den die Reifen
(und ich auch) so gar nicht mögen. Hier kommen wir nicht mehr so
gut voran und die Etappe fängt an, sich unangenehm in die Länge
zu ziehen. Beides, Monotonie und schlechte Fahrbahnbeschaffenheit, drücken
auf die Laune und als ich mir schliesslich auch noch einen Plattfluss
hole, reicht es eigentlich für heute. Immerhin weiss ich nun, wie
man beim Birdy das Hinterrad aus- und wieder einbaut
Immerhin kommen wir allmählich unserem Ziel näher. Wir müssen
noch zweimal nach dem Weg fragen, dann können wir endlich unsere
Räder über die weiss gekieste Einfahrt des Chateau de Sarceaux,
etwas nördlich von Alençon, schieben. Nicht dass wir jetzt
Kontakte zum französischem Landadel aufbauen wollen, dass dann doch
nicht, aber im eingangs schon erwähnten Normandie-Reiseführer
wird das Schlösschen als Bed&Breakfast recht positiv erwähnt.
Wir werden von der Frau Marquise schon erwartet. Die ist zuerst ein wenig
überfordert, kann uns nicht sofort einordnen, weil wir später
als angekündigt ankommen und zwei andere Gäste kurzfristig abgesagt
haben, doch zwei Willkommens-Bier später lasse ich warmes Wasser
aus Messingarmaturen in die Badewanne laufen, werfe meine schmutzige Tageswäsche
hinein und mich dazu und alles ist plötzlich in bester Ordnung. Diese
Armaturen! Links kommt kaltes, rechts warmes Wasser, da gibt es keine
Missverständnisse. Und man weiss automatisch, dass man an den Dingern
drehen muss. Ich reite deswegen auf diesem Thema herum, da wir jetzt schon
des Öfteren - zuletzt am Freitag in Paris - Armaturen in Hotels oder
Restaurants gesehen haben, für deren Bedienung man eigentlich eine
Anleitung bräuchte. Ja, ich weiss, ich hab auf jeder Reise mein Lieblingslästerthema
Hier im Chateau de Sarceaux bekommt man auf Vorbestellung ein Abendessen
serviert. Und unsere Gastgeber haben sich das so vorgestellt, dass alle
Gäste an einer gemeinsamen Tafel sitzen, was natürlich nicht
automatisch einen angenehmen Abend versprechen muss - zum Beispiel kann
eine unüberwindbare Sprachbarriere peinliches Schweigen verursachen.
Doch heute ist es ein Volltreffer: Da sitzen drei frankophile Ehepaare
- ein schottisch-englisches, ein französisch-amerikanisches und ein
schweizer Ehepaar - an einem Tisch und kommen ganz schnell auf einen gemeinsamen
Nenner und vom Hundertsten ins Tausendste. Die Zeit verfliegt im Nu und
das Essen muss gut gewesen sein, der Wein wohl nicht minder, doch angesichts
der anregenden Unterhaltung kann ich mich an solch unwichtige Details
gar nicht mehr so recht erinnern. Doch etwas ist mir noch im Gedächtnis
geblieben: Einer von uns Gästen bekommt sein Coca Cola genauso in
einer Karaffe serviert wie wir unseren Wein. Sowas nennt man französische
Lebensart!
Hat schon was für sich, so eine Zimmerflucht mit Tapeten, Stilmöbeln
und hohen Zimmerdecken. Vor dem Einschlafen sehe ich aber, dass wir nicht
alleine sind, denn eine ziemlich eindrucksvolle Spinne wird uns heute
Nacht (hoffentlich) vor Mücken und ähnlichen Viechern beschützen.
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