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Wir frühstücken morgens noch gemeinsam,
doch bevor die Gespräche erneut spannend zu werden "drohen",
gehen wir dann doch alle unserer getrennten Wege: Die Briten müssen
zu ihrer Fähre nach Dieppe, die anderen beiden wollen nach Paris
und wir ziehen uns die Regensachen über und machen uns bei leichtem
Niederschlag auf den Weg gen Westen. Heute wollen wir lieber wieder auf
die gute alte traditionelle Art und Weise radeln - anhand der Michelin-Landkarte
auf kleinen Strassen. Von stillgelegten Bahntrassen haben wir für
eine Weile lang die Nase voll.
Wir müssen erst mal ein Stück weit rein nach Alençon,
bis wir die richtige Strasse nach Westen finden. Ich will hier mal kurz
einschieben, dass man als Radfahrer nicht immer über Autofahrer im
Allgemeinen, und LKW-Fahrer im Besonderen schimpfen sollte. Als wir im
Regen auf der befahrenen Einfallstrasse ins Stadtzentrum unterwegs sind,
erweisen sich alle Kraftwagenfahrer als freundlich und rücksichtsvoll.
Ich mag mich noch an das Lächeln eines LKW-Fahrers erinnern, der
uns sehr zaghaft und mit weitem Abstand überholt. Sowas macht Laune
und man fühlt sich akzeptiert und gut aufgehoben.
Nachdem wir Alençon hinter uns gelassen haben radeln wir zuerst
locker und entspannt an Ortschaften wie Colombiers, Lonrai oder Cussai
vorbei, wobei es allmählich aufhört zu regnen. Später haben
wir dann keinen einzigen flachen Kilometer mehr. Ständig geht es
entweder auf- oder abwärts, allerdings immer auf den allerkleinsten
Strassen. Langsam kommt die Wärme zurück und somit die Kamera
auch wieder zum Einsatz, die Fotoausbeute bleibt heute trotzdem gering.
Wir erreichen allmählich das Cidre- und Calvados-Land, die Gegend
ist dünn besiedelt und die Apfelplantagen mehren sich. Obwohl die
heutige Tour recht in die Beine geht, strengt es uns nicht annähernd
so an wie am gestrigen Tag, denn es ist abwechslungsreich und wir sehen
endlich wieder was von der Landschaft. Ab Lignières-Orgères
geht es tendenziell sowieso eher bergab als bergan.
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In Bagnoles-de-l'Orne wartet ein Kontrastprogramm
auf uns: Aus der relativen Einsamkeit auftauchend finden wir uns plötzlich
in einem überlaufenen Thermalbade- beziehungsweise Ausflugsort wieder,
mit Spielcasinos rund um einen kleinen See. Ursprünglich hatten wir
hier mit einem Pausentag geliebäugelt, doch angesichts des Trubels
hier lassen wir das lieber bleiben. Immerhin sind uns hier die ersten
Crêpes dieser Reise vergönnt und auch der erste Cidre: Am Spätnachmittag
sitzen wir in einer Crêperie und schlafen beim Essen fast ein. Aber
nur fast, denn draussen sitzt an einem Tisch eine Dame, die mich frappant
an Christine McVie, der ehemaligen und längst pensionierten Sängerin
von Fleetwood Mac erinnert (ich bin fast geneigt, mir ein Autogramm geben
zu lassen). Sie könnte es wirklich sein: das Alter, das Gehabe, das
Aussehen. Was hat diese Frau für schöne Songs geschrieben! Don't
stop, thinking about tomorrow. Don't Stop, it'll soon be here
Wir thinken jedoch schon about tomorrow, besser gesagt about the day after
tomorrow, denn wir brauchen demnächst eine Unterkunft an der Küste,
genauer gesagt ab übermorgen. Wir haben Hochsaison und sind bestimmt
nicht die Einzigen, die Zeit am Meer verbringen wollen. Unsere Waffen
bei der Zimmersuche - das Logis de France-Verzeichnis, der schon erwähnte
Reiseführer und auch die Liste an Hotels, die ich mir zuhause im
Internet ausgedruckt habe - sind leider stumpf. Nach ein paar Telefonaten
ist klar, dass das mit der Zimmersuche wohl nicht so spontan abgehen wird,
vieles ist ausgebucht. Doch an der Rezeption unseres heutigen Hotels liegen
ein paar Prospekte aus und in einem von ihnen werden wir fündig:
Vielleicht 10-12 Kilometer vom Mont St. Michel entfernt ist noch ein freies
Zimmer in einem historischen, zum Hotel umfunktionierten Herrenhaus zu
haben. Dort mieten wir uns ab übermorgen erst mal für zwei Nächte
ein. Und für morgen lässt sich auch was arrangieren.
So lässt sich der Rest des Abends, bei Cidré und Literatur,
auch mal ohne Besichtigungsdruck im Hotelzimmer verbringen. Von draussen
tönt es chansonesque herein: da gibt eine Altstimme die Piaf, die
Gréco, die Mathieu. Kann man durchaus auch eine Weile lang vertragen,
finde ich.
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